Schweye, schweye!

Jordanien hat sich wieder in den Backofen verwandelt, der mich hier vor 11 Monaten empfing. Es ist 23 Uhr und 26 Grad – bei euch?


Letzte Woche  haben Ghadeer und ich die Hauspatronen zwecks ein paar „mal weg von Kindern und Arbeit und entspannen“-Tage aus dem Haus gekickt. Gekickt ist gut – die aus dem Haus zu kriegen ist wie Richard Gere die Rolle des Paten spielen lassen zu wollen (=es passt nicht!bis die wirklich ma weg sind, das dauert...)! Kinder haben in der Zeit beschlossen, das Weltende nicht heraufzubeschwoeren, also in der Hinsicht alles in Butter.


Erinnert ihr euch noch an das eine Maedel, das trotz vieler Bewerber nicht heiraten konnte, weil die Mutter sie unbedingt an einen Verwandten verheiraten wollte, die aber alle bereits verheiratet waren? Tja, dieses Maedel heiratet in einem Monat! Freut euch nicht frueh  - sie wird die Zweit-Frau ihres Cousins! Hauptsache, ihre Ma hat, was sie wollte, nicht wahr?

 


So, und nun einen kurzen Abstecher in den Norden und in die Polizeiarbeit Jordaniens: Letzten Sonntag haben 2 Jordanier, 1 Ami und ich beschlossen, mal was fuer unsere kulturelle Bildung zu tun: Wir fuhren nach Jerash. Eine Stadt, die in der Antike „Gerasa“ hiess und unter der roemischen Herrschaft einen schnellen Aufstieg erlebte – und die Roemer konnten es natuerlich net lassen, ihre Baukunst in allen moeglichen Formen unter Beweis zu stellen. Gut fuer uns, denn Vieles ist noch ganz gut erhalten: ein Theater mit 5000 Plaetzen in 32 Baenken, ein Marktplatz, mehrere Tempel, ein Triumphbogen fuer Kaiser Soundso und diese typischen Saeulen halt ueberall (Wir konnten es natuerlich nicht lassen, darauf zu klettern und Statue zu spielen...).  
Gerasa wurde im 1.Jahrhundert als Handelsstadt so beruehmt, dass es sogar dem aelteren Petra Konkurrenz machte. Ihre Einwohner gewannen Erz in den nahen Adschlun-Bergen (Danke, Wikipedia).
So, mehr Geschichte gibt’s dann auch net heute.
Gerasa – bei Einigen von euch klickt es da bestimmt, denn ja! – hier heisst es, soll Jesus Menschen, die in Grabhoehlen lebten, von Daemonen befreit haben (Brueder und Schwestern, heute schlagen wir das Wort auf in Mk.5,1 / Lk.8,26).


Hach, was waere schon ein Ausflug, der reibungslos verlaeuft?Langweilig! Der besagte Ami hat ne Schnecke in Amerika. Er will sie heiraten. Will unbedingt nen Verlobungsring in Amman kaufen. Trotz ihrer Beteuerungen, ein gefaketer Ring reiche vollkommen aus, kauft er ihr einen 700-Dollar-Ring. 11 Diamanten. Ich sah da keinen Unterschied zu nem 1-Euro-Ring, aber ich will ja auch net – und viele Leute wuerden mir dafuer danken – nicht ins Juweliergeschaeft einsteigen...
Von Amman aus gings nach Jerash. Ich wiederhole mich, aber ich muss euch nochma zeigen, wie gut man hier leben kann: 45 Minuten Busfahrt – in Deutschland 15 Euro, in Jordanien... 65 Cent.

In Jerash angekommen, empfing uns eine Hitze sondersgleichen – 14 Uhr, 30 Grad und schwuel. Dank der Info, dass das eine Touristenstation ist, liefen wir (und ich hab es soooo genossen!) in T-Shirts rum. Das Fehlen von Sonnencreme machte uns mit dem Gedanken warm („warm“ – verstanden?), dass wir abends indianeraehnlich zurueckkehren wuerden. 
 

Mir gefaellt Jerash. Auf den Saeulen konnte ich Statue, auf der Maximo-Strasse Roemerin und in den Tempeln Priesterin spielen – was will ich mehr?


Zurueck zum Ami: Sein Ring befand sich in seiner Hosentasche, damit er ihn nach eigenen Aussagen immer bei sich hatte und fuehlen konnte, ob er noch da ist. Rucksack, fuer den wir plaedierten, waere zu unsicher. Nu gut. Um’s kurz zu machen: Daniel, der Ami, wollte oben auf ner Treppe posieren. Musste raufklettern. Ring in der Tasche zu unbequem. Was tun? Jo, raus tun und auf nen Stein legen. Hochklettern, posieren, runterklettern, weitergehen. Eine halbe Stunde spaeter bemerken, dass man den Ring vergessen hat. Zurueckrennen. Ring nicht da! Rest der Gruppe ueberzeugen, dass das kein Scherz ist (was nicht einfach wahr, Schande ueber uns!). Nach der verplemperten Zeit sahen uns die anderen Touris wie Spuerhunde rumlaufen. Nach 10 Minuten traf ich einen Polizisten. Dummerweise war ich mit Daniel allein und musste so, um dem nur-arabisch-sprechenden-Mann unsere Situation zu erklaeren, die Szene nachspielen, um ihm zu verklickern, was unser Problem ist. Wir blieben an der Stelle stecken, wo ich Daniel imitierte, wie er den Ring weglegte und die Treppe hochstieg – also so ziemlich am Anfang. Zum Glueck kam Ghadeer hinzu und ergaenzte meine Schauspielkuenste mit arabischen Ausfuehrungen.


Polizeiliche Arbeit ist in Jordanien mit einem Wort zu beschreiben: Schweye.


Schweye = langsam, gemuetlich.


Stellt euch mal so ne Situation in Deutschland vor: Ein 700-Dollar-Ring geht auf einem Touristenplatz verloren – da wuerde doch sofort die Eingangssecurity angerufen und alle herausgehenden Touris (und sooo viele sind das in Jerash echt net gewesen, das haetten 2 Mann locker geschafft!) abgecheckt werden. Oder? Daniel meinte, in Amerika wuerde solch eine Anlage direkt geschlossen, so dass keiner mehr raus koennte... Und was macht unser Polizist Ali? Ruft irgendeinen anderen Polizisten an, um die Vorgehensweise zu klaeren, weiss nicht so recht, was er machen soll und beschliesst nach 10 Minuten, uns zu einer Polizeistation zu bringen, damit alles protokolliert werden kann, was passiert ist! Nicht im Entferntesten etwas in der Richtung wie „Ok, wir suchen jetzt mal die Gegend ab“... Also haben wir beschlossen, das selbst in die Hand zu nehmen. Essa und ich zum Eingang, die anderen beiden brav zur Polizeistation mitgedackelt. Am Eingang faellt denen nichts anderes ein, als uns zu erklaeren, wir sollten doch bitte die Polizisten fragen, die in der Anlage rumliefen (wie z.B. Ali), die koennten uns doch vielleicht weiterhelfen... Uns war klar, dass der Ring gestohlen worden war und der glueckliche Finder in der letzten halben Stunde bereits froehlich den Ausgang passiert hatte.


Im Eingangsbereich befinden sich natuerlich viele Souvenirshops. Ich klapperte die Verkaeufern ab, um ihnen klar zu machen, dass, falls jemand sowas von ehrlich waere, den Ring bei ihnen abzugeben oder sie eine gruene Schachtel in der Hand eines potentiellen Kunden sehen wuerden, sie ihn ueberwaeltigen und die Schachtel am Eingang abgeben sollten (dabei habe ich nicht geschauspielt, keine Bange). Waehrenddessen sahen unsere Telefonate zwischen Eingang und Polizeistation ungefaehr so aus: „Hey, was Neues?“ „Nein, die lassen sich ordentlich Zeit hier. Trinken erstmal nen Tee. Und bei euch?“ „Noe, auch nix Neues. Hey, sehe hier grad tolle Ohrringe im Geschaeft! Oh, sorry, is grad nicht angebracht, oder? Ok, ich mach ma meine Runde weiter...“  (Gedanklich: Meine Guete, die Ohrringe sind echt toll!).


Nachdem ich die Geschaefte abgeklappert hatte, blieb mir ja nix anderes uebrig als warten! Also nutzte ich die Zeit, in der Daniel um seinen Verlobungsring, fuer den er zusaetzlich zu seinem Job ½ Jahr bei Starbucks geackert hatte, bangte, um Souvenirs zu kaufen: Tuecher, Ohrringe etc. pp. – wie soll man da wiederstehen, wenn ein huebscher Jordanier einem sagt, dass man die schoensten Augen der Welt haette und dass es eigentlich nicht normal fuer ihn waere, einem Touri-Maedel so etwas zu sagen, aber sie seien ja sowas von schoen!? Nebenbei erwaehnte er zwischendurch, dass der Schal, den ich grad in den Haenden hielte, leider teurer als woanders sei, da er auf besonderen Umwegen ins Geschaeft gekommen sei.... Aber er staende mir sooo gut – und wuerde meine Augen soooo sehr betonen... Wie soll ich da bitteschoen wiederstehen, he?

Muss fairerweise dazusagen, dass er mich, nachdem ihm das Geld fuer dern Schal sicher war, mit in sein anderes Geschaeft schleppte, wo ich mir Schmuck umsonst aussuchen konnte (Dank sei dem Schoepfer meiner Augen, hehe). Normalerweise bieten die Jordanier ihre Ware zwar oft umsonst an – selbst im Supermarkt sagen die schonmal : „Das geht aufs Haus!“ - , aber es ist allen klar, dass dem nicht so ist, weil das lediglich eine der 52.347 Hoeflichkeitsfloskeln hier ist. In diesem Falle aber nahm er tatsaechlich kein Geld – Wunder gibts...
 

Zurueck. Die anderen kamen von der Polizeistation – frustriert, desinteressiert, was meinen Schal anging und Daniel so langsam ueber den Schock des Berges hinweg, dass sein Ring – angenommen, der glueckliche Finder ist ein Einheimischer – moeglicherweise nun 1/2Jahr eine Familie ernaehren wird. Wir wurden alle in eine weitere Polizeistation gefuehrt  - und was wurde uns erstmal angeboten? Ein schnelles Verfahren und 1,2,3 – los geht die Suche? Noe - Tee und Kaffee, schweye, schweye. Erstnal relaxt zusammensitzen und dann der Reihe nach erzaehlen, was ueberhaupt passiert ist... Wurscht, dass wir das bereits auf der anderen Station gemacht hatten! Wir waren uns nicht sicher, ob wir das furchtbar nervig oder einfach nur witzig finden sollten.

Die folgende Stunde verlief ungefaehr so (Ghadeer uebersetzte jeweils): „ Wann haben die den Ring aus der Tasche genommen?“ „Um 15 Uhr.“ „Wie lang haben sie Photos geschossen?“ „ 3 Minuten.“ „ Wieso haben sie den Ring nicht mitgenommen danach?“ „...“ „Wann waren sie auf der Polizeistation?“ „...“ . Bei der Haelfte der Fragen haben wir uns einfach nur angeschaut und innerlich Kopfe geschuettelt, warum uns so sinnlose Fragen gestellt werden, wenn erstmal was getan werden koennte! Aber wir entschieden uns letzendlich doch fuer Option Nr. 2, den Humor. Was solls, Ring wuerde eh nicht wiederkommen!

Es war die reinste Show: Alle 10 Minuten kam ein anderer Polizist herein und fing an, uns zu befragen. Holte sich nen Zettel vom Tisch schreib irgendwas darauf: mal unsere Namen, mal die Uhrzeiten des Geschehens, mal dies und das.

Uns war nicht mehr klar, wer eigentlich hier das Sagen hatte und wer sich im Endeffekt um irgendetwas kuemmern wuerde von den mittlweile 15 Protokollanten. Das Raetsel loste sich, als ein Typ am Tisch anfing, Englisch zu sprechen (wenn ich sage, dass es nicht gut war, untertreibe ich) - ploetzlich fuellte sich der Raum mit Polizisten, die ganz gespannt und stolz ihren Chef anschauten, der sich mit erhobenem Haupt wehrte, wieder ins Arabische ueberzugehen, was uns ca.1 Stunde gespart haette!

Ich haette sooo gerne was gesagt – es lag mir dermassen auf der Zunge.Aber zum Glueck bin ich mit kommender und wieder gehender Weisheit gesegnet, die mir sagte, dass ich nicht die besten Karten haette, etwas Positives beizutragen, wenn ich einen Araber anpflaumen wuerde. Nebenbei sass ich als (Punkt 1) Frau mit (Punkt 2) halbnacktem Oberkoerper (ihr wuerdet das noch als zugeknoepft bezeichnen) unwissentlich auf einem (Punkt 3) Gebetsteppich eines der Polizisten, den er dann zwischen seinen Befragungen nahm, ausrollte und seine Gebete direkt vor uns auf der Strasse verrichtet. Also hielt ich den Mund und versank in meinen Zwiespalt, ob ich hier bleiben und dadurch meine Anteilnahme zeigen oder nochmal zu dem einen Geschaeft gehen sollte, um nun doch noch ein paar Ketten umsonst mitgehen zu lassen, die mir angeboten worden waren (vielleicht sollte ich an dieser Stelle nochma betonen, warum...), die ich aber aus reiner Hoeflichkeit abgelehnt hatte, worueber ich mich nun aergerte... Die noblere und weniger geizigere Variante gewann noch graaaade so...


Ende vom Lied: Wir beendeten unseren Auftritt in dem Musical „Ali und die 15 Protokollanten“ so spaet (19 Uhr), dass wir keinen Bus mehr nach Amman bekamen. Ein Privattyp auf der Strasse bot uns an, uns zu fahren. Faelschten um den Preis und quetschen uns dann zu sechst in einen PKW – 1 Stunde, 12Euro. Waehrend wir auf Dirk warteten, der uns in Amman abholen wollte (Danke nochma, wir wissen, dass du dafuer einen Familienabend hergegeben musstest!), rief die Polizei uns noch maehrmals an. Wie Daniel nochma geschrieben wuerde, sie koennten seinen Namen nicht im Computer finden... Ob er illegal da waere? Nein? Ok, bitte buchstabieren. Wie? D-A- ... T-A ?

 


Lektion: Auch gefakete Ringe machen es.

 

 


NUR NOCH 10 TAGE!!!!!


Meine Guete, ich kanns nicht glauben!
Dann ist mein Jahr im Land der Kamele und der Beduinen schon vorbei! Ich fuehle mich schon dermassen zu Hause, dass ich es z.B. gestern einfach net gecheckt habe, als die Jugend eine Ueberraschungsparty zum Abschied machte, dass ich die das letzte mal sehen wuerde! Haben eine fette Platte beim Becker bestellt, eine herzzerreissende Rede gehalten und mir u.a. das typische Kopftuch der Beduinen geschenkt. Habe mich doch tatsaechlich hinreissen lassen, wirklich – fuer mich wirklich wirklich – warme Worte fuer sie zu finden... Ein Chaotenhaufen, der mir echt ans Herz gewachsen ist. Heute brachte eine Nachbarin 2 Topefe mit diesen mit-Reis-gefuellten-Weinblettern fuer mich zum Abschied rueber. Das wird wohl die naechsten Tage noch so weitergehen. Irgendwie schon komisch.


In den naechsten 3 Tagen werde ich auch noch einmal viele Familien besuchen - und Samstag gehts dann ab nach Amman, wo wir wieder ein Screening haben werden mit neuen Patienten. Von da aus reise ich mit dem Shevet-Team aus Israel ins gelobte Land und verbringe dort meine letzten 2 Wochen im Nahen Osten.
Zum Glueck wird mir der Abschied dadurch leichter gemacht, dass die Chaotenfamily hier mit mir nach Deutschland fliegen wird, um dort ihren Heimataufenthalt zu machen.


Vollgeknallte 3 Wochen, auf die ich mich freue, liegen vor mir! Werde in Deutschland erstmal 2 Tage nur schlafen, glaub ich...

(ICH WILL NOCH NICHT WEG!)

Bis bald (koenntet ihr bitte Hoeflichkeitsfloskeln einueben a la "du wirst immer meine Schwester und in meinem Herzen sein, solange unser Planet die Sonne umrundet"? Dann bekomme ich nicht den puren Kulturschock. Danke.) !

Eure Schw.esther

24.5.09 23:09

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Martin (25.5.09 00:20)
700 Dollar! Oh Mann...700 Dollar!!!! Aaaarrgghhh!!!

Geht klar mit den Floskeln!!!

LG

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen