"Adi"

Wenn mal einer von euch den Orient pur erleben moechte, dann kann ich euch nur eines raten: setzt euch in irgendeinen Bus hier und fahrt sonstwohin – es wird so oder so ein Abenteuer werden...

 

Zuerst einmal...

 

...gibt es gar keine Bushaltestellen in Jordanien. Willst du irgendwohin, stellst du dich an die Hauptstrasse deines Ortes und wartest. Ok, es gibt natuerlich einen Anfangs- und Zielort des Busses, da koennte man noch sagen: Jede Linie hat 2 offizielle Haltestellen. Aber das zaehlt irgendwie nicht, finde ich.
In Thanije, dem Nebenort von Karak, in dem wir wohnen, kommt zwischen 6 und 18 Uhr so ziemlich jede Minute ein Bus – erinnert ihr euch? Die Leute hier leben u.a. von der Infrastruktur. Aber ab 18 Uhr... ist tote Hose – da musste dann laufen oder einen auf Anhalter machen, was bei mir z.B. jetzt net so empfehlenswert waere, um es gelinde auszudruecken...

 

Um einzusteigen, machst du eine Handbewegung, wie wenn wir beschwichtigend „jetzt komm mal runter“ ausdruecken wollten – Handflaeche ausstrecken und in Hueftenhoehe hoch und runter federn. In der offenen Bustuer steht jeweils ein junger Mann, der dich sieht, „Karak!?“ ruft und wenn du nickst, haellt der Bus an und du steigst ein.
Wenn du “irgendwo“ einsteigst, ist der Bus meistens voll, denn... „Adi“:  Ein Bus faehrt an der 1.Haltestelle erst los, wenn er voll ist! Es gibt keine Uhrzeiten fuer eine Abfahrt, nein, es wird losgefahren, wenn er voll ist (da zwischendurch Leute aussteigen, kann er ja auch wieder andere vom Strassenrand aufnehmen)! DAS kann bedeuten, du setzt dich um 5Uhr in einen Bus und wartest, je nachdem, 5 Minuten bis zur Abfahrt oder auch 2 Stunden.

 

Letztens wollten Radeer und ich, nachdem wir uns in Amman unserer heimlichen Sucht namens Original-American-dehalb-teuer-aber-wer-kann-da-schon-widerstehen-Donuts gewidmet hatten, mit dem Bus von Amman nach Karak zurueck. Mit dem Taxi zur Bushaltestelle, wo uns der Bus nach Karak grade vor der Nase wegfuhr (selbst in Amman rennen Frauen nicht, also konnten wir ihm auch net winkend hinterherlaufen). Bepackt mit den ueblichen Tueten, die Frauen nach einem Tag in der grossen Stadt so bei sich haben, stoehnten wir im Chor, denn uns war klar: sooo schnell werden wir hier jetzt nicht loskommen. Denn ihr wisst ja: ein Bus faehrt erst los,wenn... Also wir auf unseren neuen Stoeckelschuhen zu dem einfahrenden naechsten Bus (alter, gaaanz alter Reisebus) gestackelt, wo uns schon der Busfahrer begruesste: „Karak? Ja, steigt schonmal ein; in ner Viertelstunde fahren wir los!“ Wir schauten uns an: „Viertelstunde, alles klar!!“ (Dabei muesst ihr euch jetzt die Bewegung vorstellen, wenn man den rechten Zeigefinger unter das rechte Auge legt und die Traenensaecke etwas nach unten-, waehrend man gleichzeitig die Augenbrauen hoch zieht).

 

17 Uhr stiegen wir ein, 19.10Uhr fuhren wir los.

 

Wisst ihr, hier habt ihr keine andere Wahl, als euch entweder dermassen aufzuregen, dass ihr nur noch mit dem Taxi fahrt – oder es einfach zu geniessen, dass es eben so ist, wie es ist... „Adi“. Ich musste lachen, als ich beim Einsteigen an den fremden Opa an der Siegener Bushaltestelle dachte, der sich fuerchterlich aufregte, dass die Linie R10 erst um 11.02Uhr an der Bushaltestelle einfuhr, obwohl Abfahrt um Punkt 11.00Uhr sei – und ich mir vorstellete, was der gute Mann einen Herzinfakt nach dem anderen hier erleben wuerde (Nebenbei faehrt die R10 alle 10 Minuten dort ab)!

 

Frauen und Maenner durfen nicht nebeneinander sitzen im Bus. Habe ich am Anfang nicht gewusst – koennt euch ja vorstellen, was da bei meiner 1.Busfahrt loswar! „Eib, Eib!“ (Schande). Ich denke gerade darueber nach, ob ich Ehepaare schonmal nebeneinander sitzen hab sehen, aber ich kann mich nicht erinnern. Ich muss jetzt auch sagen: In Westamman gelten etwas lockere Regeln. Ich koennte mir vorstellen, dass dort Mann und Frau nebeneinander sitzen duerfen. Es gibt dort sogar - fuer eine bestimmte Linie - Bushaltestellen! Manchmal steige ich hier in einen Bus und die einzigen freien Plaetze sind neben Maennern. Was tun? Tjo, einfach: in der Regel MUESSEN die Maenner aufstehen, sich auf einen Doppelplatz setzen, wo auch schon ein Mann sitzt – und ich hab dann 2 Plaetze fuer mich, hehe... Ooooder: Bist du nicht dreist genug und guckst die Maenner, die keine Anstalten machen, fuer dich aufzustehen, nicht auffordernd an (das wirkt! Denn sooo oft werden die von uns ja jetzt net angeguckt), dann musst du dir einen Doppelplatz mit 2 weiteren Frauen teilen. Die dann – hier auf’m Land – aufgeregt sind, weil sie neben einer modernen westlichen Frau sitzen oder, und das sind eher die Juengeren unter ihnen, sofort klarstellen, ob du verheiratet bist und ihnen evtl. nen Mann wegschnappen koenntest. Kann ja zum Glueck so tun, als wuerde ich sie nicht verstehen... Will doch nicht vom Zweiersitz geschubst werden...

 

Radeer und ich sitzen also im Bus und bringen uns gegenseitig Arabisch und Deutsch bei – und beschliessen, wie gut es ist, dass der Bus erst vieeeel spaeter losfahren wird, weil wir dann mal ordentlich Zeit haben, die neuen Woerter zu lernen und aufzuschreiben... Definitiv sind wir am Lautesten von allen Anwesenden, was fuer andere „Eib“ waere, aber Radeer zum Glueck nichts ausmacht. Pikiert ist sie erst ein wenig, als ich meine neue Schminke raushole – also sich-Schminken im Bus, das waere jetzt doch nicht so „Adi“ (=normal) hier...  was soll’s, ich bin „Ashnabije“ (Auslaender), ich darf das... hehe!

 

Und waehrend nach und nach die letzten Araber von ihrer Schicht kommen und einsteigen, faengt es auch schon an: Wir tauchen immer mehr in die Welt des Zigarettenqualmes ein. Was tun waehrend der Wartezeit – und was ist schoen relaxend (euch is klar, ich rede hier von den Maennern! Sollte sich ma ne Frau wagen, im Bus zu rauchen...)? Ooh ja, eine schoene Zigarette - wurscht, dass die letzte vor 2 Minuten aufgeraucht wurde... Und das faengt in der 1.Minute des Wartens im Bus an und steigert sich, dass dir schnell klar wird, dass du deine Klamotten morgen unmoeglich nochmal anziehen kannst. Nicht zu erwaehnen, dass die Wand jedes Busses hier mit einem fetten „Nicht Rauchen“- Schild verziert ist...

 

Waehrend dieAraber also leise miteinander reden, ihren Lieben zu Hause Bescheid sagen, dass sie spaeter kommen werden und relaxt eine nach der anderen anzuenden und wir somit noch vor Abfahrt in einer Wolke a la „holt die Nebelscheinwerfer raus“ versinken, kommt ein vielleicht 8-jaehriger Junge mit einem Tablett in den Bus und ruft: „Tee! Tee! Wer moechte Tee?“. Er laeuft durch den Gang und wieder zurueck, verkauft hier und da einen Tee (fuer 10 Cen)t und steigt aus, um in den nachsten 2 Stunden alle 20 Minuten wieder auf der Bildflaeche zu erscheinen und die gleiche Prozedur durchzufuehren.
Ich beschliesse, dass ich dieses Land in dieser Hinsicht liebe – wo sonst in meinem Leben gingen die Menschen sowas von relaxt mit solch einer Warte-Situation um? Deutschland? Neee, wohl eher net...

 

Nachdem der Busfahrer bereits alle Virtel Stunde 10m vor- und zurueckgefahren ist, um anzudeuten, dass es „jetzt so grade“ losgeht (damit die Leute schneller zum Bus kommen, Radeer kann mir diese Eigenart auch nicht erklaeren, sagt lediglich grinsend „Adi“ ), faehrt er los – um nach 1 Minute wieder anzuhalten und uns zu erklaeren, wir muessten aussteigen und in einem anderen Bus nach Karak fahren! Nach 2 Stunden Warten! Da beschweren sich selbst die relaxen Araber – zum Glueck hat der gute Mann einen anderen Bus organisiert, der uns nach Karak faehrt, also heisst es lediglich: umsteigen. Radeer vermutet, der Busfahrer haette vermutlich beschlossen, dass es zu spaet fuer ihn heute werden wuerde, wenn er nach Karak und wieder zueueck fahren muesste, also haette er beschlossen, bei seiner Familie in Amman zu bleiben und jemand anderen fahren zu lassen... mal eben so...

 

Endlich sitzen wir dann in einem Bus, der uns – in sha allah, denn nichts ist sicher – nach Karak bringen wird. Ich betrachte die Aussenspiegel de Busses, die - „Adi“ - aus kleinen Autospiegeln bestehen und ich gebe es auf, mich noch einmal zu fragen, wie der gute Mann hinter dem Lenkrad die Strasse mit diesen Spiegeln im Blick haben will. Stattdessen freue ich mich, dass uns heute arabische Musik begleitet (mit der ich schon viel mehr Frieden geschlossen habe als noch vor 1 Jahr) und nicht eine Predigtuebertragung aus einer Moschee, die aus wahnsinnig langen, monotonen Gesaengen besteht.

 

Der Busjunge, der immer rechts neben dem Fahrer sitzt (mit dem er ohne Unterbrechung babbelt, waehrend er den Platz unter dem „Bitte nicht mit dem Fahrer sprechen“-Schild einnimmt), geht durch die Reihe und sammelt das Fahrgeld ein. Eine 1 ½- stuendige Fahrt von Amman nach Karak – was meint ihr, was die kostet?
Nehmt einfach den 10tel des Deutschlandpreises und ihr seid auf der sicheren Seite. 1,50 Euro fuer 1 ½-Stunden Fahrt – ein Witz fuer jeden Westler, aber ein Vermoegen fuer Viele der Arbeiter, die grade im Bus sitzen. Nebenbei: eine Fahrt von hier nach Karak (10 Minuten) kostet 20 Cent, nimmst du ein Taxi, 2 Euro. Ist absolut unverstaendlich fuer die Menschen hier, wenn ich denen sage, dass ein Taxi bei uns mit 2,50 Euro erst ueberhaupt losfaehrt... Aber DAS nuss euch klar sein: seid ihr „Ashnabije“, also Auslaender, wissen die, dass das nicht viel Geld fuer uns ist – und hauen euch vollekanne uebers Ohr und geben euch dabei noch das Gefuehl, ihr koenntet denen dankbar sein fuer den guten Preis! Fragt lieber einen Insassen, wieviel der Bus kostet als den Busjungen. Und wenn ihr es nicht passend habt, schaut nach, wieviel Wechselgeld er euch tatsaechlich wiedergegeben hat. Das geht hier schneller, als du gucken kannst...

 

Zurueck: Es ist ja nun nicht so, dass im Preis nur eine Fahrt von Amman nach Karak enthalten waere... nein, es bietet sich uns fast durchgehend eine orientalische Landschaft, von der ihr nur traeumen koennt, die ihr aus dem Klischees kennt. Jegliches Warten ist vergessen, wenn man im Bus sitzt und nach draussen schaut: Die wuestenaehnlichen Felder erstrecken sich, soweit das Auge gucken kann; hier und da blitzen die Lichter der Beduinenhaeuser auf, die irgendwo da draussen im Nirgendwo stehen. Man faehrt an beleuchteten Obstbuden vorbei, in deren Hintergrund Schafherden gemuetlich in der Abendsonne grasen. Hin und wieder sieht man Beduinen direkt am Strassenrand mit ihren Herden – und sie sitzen da, als wuerden sie da ihr Leben lang sitzen und niemals weggehen – und schauen interessiert, aber nicht aufdringlich, wer so an ihrer stillen Welt vorbeisaust. Mir gefallen besonders die bunten Lampignons, die einmal komplett um Tankstellen und Buden herum aufgehaengt wurden... Ich freue mich, als das Deckenlicht des Busses nach ein paar mal Aufflackern vollendst den Geist aufgibt und man die Landschaft so viel besser erkennen und geniessen kann.

 

Solche Momente gehoeren zu meinen Schoensten hier (und ich vertiefe sie natuerlich noch dank meines mp3-players mit kitschiger Celine-Dion-Musik, hach...)!

 

Ploetzlich haelt der Bus an. Der Busfahrer steigt aus – und bleibt nach meinem Geschmack zu lange weg, um mal eben zu tanken. Ich schaue aus dem Fenster – und werde auf ein Neues der Relaxtheit der Araber gewahr: Sitzt der doch tatsaechlich mit dem Budenbesitzer zusammen und trinkt sich erstmal gemueltich ein Teechen... warum auch nicht? Abgesehen von der schmachtenden Westlerin mit dem mp3-player sind ja alle am Pennen...

 

Und last but not least die Frage: wie gibt man einem Busfahrer Bescheid, dass man aussteigen moechte, wenn keine Druckknoepfe vorhanden sind, die dem Busfahrer das Signal geben: “Ich will aussteigen.“ ?? Ganz einfach: Man klopft mit seinem Ring an die Fensterscheibe. Da unverheiratete Maedels schon mal gar nicht „einfach so“ Bus fahren duerfen (also was anderes als Fahrten zur Schule oder Uni), eruebrigt sich die Frage, ob denn jeder einen Ring besitzt (unverheiratete Maenner koennen ja zur Not ohne Probleme den Busfahrer ansprechen) ! Ich dachte erst: Das hoert der Busfahrer doch nie! Aber Pustekuchen – ob das Macht der Gewohnheit ist oder sie bei ihrer Aufnahmepruefung daraufhin ueberprueft werden, wie nahe ihre Hoerfaehigkeit der eines Luchses kommt, sei dahin gestellt – sie hoeren es. „Klick, klick, klick“ – und der Bus haelt an, trotz ratternder Eigengeraeusche, trotz Moscheegesang aus’m Radio, trotz labernder Menschen und schreiender Kinder.

 

Wir kommen im Stockdunkeln an und muessen noch eine Weile laufen bis zu Kleinlohs Haus. Maedels alleine auf der Strasse im Dunkeln, ohne Vater, Bruder oder Onkel...tststs! Da haelt ein Minibus neben uns: „Hey, bist du nicht das Halaseh-Maedel? Ich kenne deinen Vater, steigt ein, ich fahr euch dahin, wo ihr hinwollt!“ Setze mich verwundert, dass der Typ grade in der Sekunde kam, als ich anfing, mich ueber die Wahl meiner Schuhe zu beklagen, hin und sage Radeer, dass ich diese Busfahrt echt cool und interessant fand. Sie schaut mich an und grinst:

 

„Adi!“

 

8.5.09 20:48

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Martin (18.5.09 14:03)
Na, das ist mit dem Busfahren im Vergleich zu hier schon was völlig Anderes. War aber interessant zu lesen! Als ich noch regelmäßig zur Abendschule fuhrgab es hin und wieder Situationen mit extremen Wartezeiten. Und da habe ich dann aber irgendwann gemerkt, dsass da meckern nicht hilft, sondern mich darauf eingestellt, längere Wartezeiten sinnvoll zu überbrücken. Ich denke, sowas wie in Jordanien wäre dann auch kein Problem mehr für mich.

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