Ostern /-woche

Heute werde ich euch ueber eine christliche Tradition hier aufklaeren, die ich beantragen werde, in Deutschland einzufuehren.


Ostern in Jordanien – eine Tradition, die den hoechsten Effekt der Gemeinschaftsbereicherung und auch der allgemeinen koerperlichen Erbauung bewirkt.


Wie ihr schon mitbekommen habt, wird hier jede Feierlichkeit benutzt, um alle Verwandten und Freunde zu besuchen – bei Moslimen und Christen. An Ostern selbst verschenkt man Anisbrot, faehrt zu allen moeglichen Bekannten und gibt es da ab. Oder man erledigt das in der Kirche – witziges Bild: nach dem „Amen“ kramen alle Anisbrot aus ihren Taschen und verschenken es gegenseitig. Haste am Ende genausoviel wie vorher. Hauptsache, man schenkt, is doch schoen...


Nach dem Ostersonntag gibt es einen bestimmten Brauch bei den arabischen Christen: Jeder besucht jeden (das alleine ist ja net ungewoehnlich) und hat dafuer 5 Tage Zeit. Dabei durchlaeuft man bei jedem Besuch eine bestimmte Zeremonie: waehrend den ueblichen Begruessungskuessen auf die Wange (neu fuer mich: Verwandte duerfen auch das andere Geschlecht auf die Wange kuessen, aber hallo) wuenscht man sich gegenseitig ein Wohlbefinden fuer alle Jahre „kull sana enta/ inti bi rer“. Dann kommt der arabische Kaffe – und Osterplaetzchen. Ihr muesst euch vorstellen, dass die arabischen Frauen Unmengen dieser mit Datteln gefuellten Plaetzchen backen, da ja die ganze Horde von Bekannten nach und nach auftauchen wird und es waere sehr peinlich, koennte man die Tradition aufgrund von Plaetzchenmangel nicht beibehalten. 1 Woche lang steht auf jedem Wohnzimmertisch eine Schale mit den gleichen Osterplaetzchen.
Nach 15 Minuten Smalltalk in einem schoen osterlich kitschig geschmuecktem Wohnzimmer gibt es noch ein kaltes Getraenk oder einen tuerkischen Tee. Und waehrend man sich dann zum Abschied noch einmal die besten Segenswuensche in einer Laenge von Forrest Gumps’ Bart wuenscht, bekommt man richtig gute Osterschokolade aus einem Osterkoerbchen von der Frau des Hauses serviert. Und denkt nicht, ihr koenntet irgendetwas ablehnen – das kaeme einer generellen Ablehnung der Gastfreundschaft gleich!


So, und nun denkt euch ma, ihr besucht in der Osterwoche nicht nur 1 Familie pro Tag,sondern direkt 6 oder 7! Und nirgendswo duerft ihr Essen ablehnen! Uuuund zusaetzlich bekommt ihr ja auch noch Osterbesuch in euer eigenes Haus, wo ihr jedesmal als Gastgeber auch ein paar Plaetzchen esst... Kein Land fuer Frau Klum, sag ich nur.
Ja, gute Frage - Wie kann man denn Leute besuchen, wenn gleichzeitig welche vor der eigenen Haustuer stehen? Es ist so: man meldet sich nicht an, zieht einfach los – ist keiner da, gehste zum naechsten Haus von Christen aus deiner Gemeinde. Steht jemand vor deiner Tuer, muss er eben warten oder auch weiterziehen. Man hat ja 5 Tage Zeit und kann morgen nen neuen Versuch starten.


Ich bin mit Ghadeer, einer Freundin aus Karak, losgezogen. Ich lieeeeeeeeeeeebe Osterbesuche - alle gleich und doch verschieden:
Fuhren mit dem Bus zum 1.Haus: Grosses Hallo. Kaffee, Plaetzchen usw. Die 2 kleinen Kinder tuschelten. Es kam raus, dass sie mich wiedererkannten durch den unangenehmen Fakt, dass sie mich einmal beobachtet hatten, wie ich Spiderman streng zusammengewiesen (verwiesen?) hatte. Nachdem ich geklaert hatte, dass es mir leid tat, dass sie das gesehen hatten, aber dass es durchaus angebracht gewesen war, gaben sie die Kill-Bill-Vorstellung von mir auf und holten die Uno-Karten raus, waehrend ihr Dad mir stolz erzehlte, er haette einmal in einer deutschen Firma gearbeitet und ob ich einen Peter Holzmacher kennen wuerde (das machen die staendig: sobald jemand mitkriegt, dass du - neeeein, nicht aus Russland -, sondern aus Deutschland kommst und er vor X-Jahren in einer deutschen Firma in Jordanien gearbeitet haben, geht er davon aus, dass du natuerlich den Ex-Chef Hansi Frohberger aus was-weiss-ich-woher-in-Deutschland kennst) !?


Nachdem wir noch gemeinsam fuer die Bewohner des Hauses gebetet hatten (diese kleine Zusatztradition gefiel Ghadeer und mir), fuhren wir mit dieser Familie dann zu 7t in ihrem 4-Personen-Auto zu AkhKhalet (Bruder Chalet), einem Aeltesten der Gemeinde. Dort fing gerade ein Hauskreis an. Wurscht, wir sind trotzdem geblieben und weil es keine Kinderprogramm gab, die aber rumtobten wie die wildgewordenen Affen, haben Ghadeer und ich spontan das Kinderprogramm uebernommen. An der Stelle, wo’s blutig wurde, habe ich meine Stimme so gesenkt, dass nur die Aelteren in der 1.Reihe was hoeren konnten, sonst haette es noch ein Heulkonzert gegeben -da hilft dann auch keine Auferstehung mehr...


Liessen uns von Pastor Heida mit zum naechsten Haus nehmen und wie das halt vorkommen kann, war die Frau des Hauses, UmJohn, selber auf Osterbesuche. Also bediente uns ihr 7-jaehriger Sohn und das Maedchen-fuer-alles, eine kleine Philippinerin (Beklagte mich innerlich ueber den warnenden Informationsmangel, was die Essensmengen an diesem Tag anging und darueber, dass ich mittags beim Essen ordentlich zugelangt hatte). Kurz darauf erschienen Zwillinge im Alter von vielleicht 19 Jahren. Sie sahen nicht gerade gesund aus, eher total erschoepft, is mir direkt aufgefallen. An dieser Stelle kann ich einen kurzen Exkurs machen, den ich schon laenger mal machen wollte:


Das Taujihi. Eine Abschlusspruefung wie unser Abitur, aber nicht damit zu vergleichen.


Die Jugendlichen muessen 1 Jahr lang Regale voller Buecher auswendig lernen. Ohne das Taujihi kann man nicht studieren, es bedeutet alles fuer die Schueler hier. Nur Wenige schaffen es, es gibt ganze Klassen, die es nicht bestehen.
Deshalb erlauben ihnen ihre Eltern, sobald das Schuljahr der Pruefungen beginnt, nicht mehr, aus dem Haus zu gehen – ein komplettes Jahr lang!! Keine Treffen mit Freunden mehr, selbst die Hoeflichkeitsbesuche fallen weg! Was bedeutet: soziale Kontakte spielen sich fuer 1 Jahr nur innerhalb des Hauses ab. Ihr koennt euch vorstellen, wie man dann eingeht... Ich habe ein Maedchen kennen gelernt, das gerade fuer das Taujihi lernen muss. Normalerweise ist sie bei jeder Veranstaltung dabei, jede Woche. Aber in den letzten 11 Monaten hat sie genau 2mal Ausgang bekommen! Hier is nix mit „Ich bin 19, Mutter, 19, hoerst du?“ Selbst bei den Osterbesuchen war sie nicht dabei, sondern musste weiterlernen – jeden Tag stundenlang.
Die Ergebnisse werden ueber das Internet bekannt gegeben. Da aber gerade hier in Thanye (Stadtteil von Karak) nur Wenige Internet besitzen, kommen dann die verschiedensten Leute ganz aufgeregt zu uns, ob sie mal ans Internet duerften. Und Abends gibt es dann ein riesiges Feuerwerk ueber ganz Karak. Das gefaellt mir persoenlich am Besten bei dem ganzen Traraa.


Nu ja, jetzt wisst ihr ja dann auch, warum die Zwillinge so blass und erschoepft aussahen. Die haben sich auf uns gestuerzt wie die Tiger, so nach dem Motto „Menschen, richtige Menschen!“.


4.Haus hab ich vergessen. Aber dann haben wir ein frisch verheiratetes Ehepaat besucht. Frau –logo- bereits schwanger. Der Mann arbeitet in Maan, dem beruechtigsten Ort in ganz Jordanien (Bin einmal mit Dirk dadurch gefahren, und da meinte er schon, es waere besser, wir wuerden nicht anhalten). Hoechtse Gewaltrate. Erzaehlt mir der Mann, es koennte passieren, wenn man da alleine als Frau ueber die Strasse geht, dass man dann erschossen wird! In Jordanien! Ich war baff (und dachte daran, wie gut es gewesen war, dass ich mein Vorhaben in Maan, Dirk zum Anhalten fuers Chipse-Kaufen zu ueberreden, dann doch net in die Tat umgesetzt hatte)! In diesem kleinen Stadtchen, in dem fast nur Moslems leben, kommt es vor, dass die Ladenbesitzer es dir als Christ verweigern, dir was zu verkaufen. Die Moslems dort finden Koenig Abdallah viel zu liberal und nicht gradlinig. Ich denke, ich streiche Maan von meiner „Stadte, in denen ich mit Freuden leben wuerde“ – Liste.
Nu ja, der Typ arbeitet also da in Maan – und wisst ihr, was ? Der arbeitet fuer ein Projekt, dass die Regierung in ganz Jordanien vor 2 Jahren begonnen hat – Jugendliche koennen ueber mehrere Wochen hin Einblicke in alle Berufsfelder hier bekommen. Und es werden – das ist der Knueller – Jugendzentren aufgebaut! In Jordanien! Als ich das hoerte, geriet ich zum 2.mal in den „Baff“-Zustand. Das ist der absolute Fortschritt! Dass ich noch nichts davon gehoert habe, liegt daran, dass Neues in den arabischen Laendern seeeeeeeeehr langsam angenommen wird (erinnert mich ans Siegerlaendchen - „Dat war immer schon so und dat bleibt auch so!" ) - besonders bei den laendlichen Gegenden, fuer deren gelangweilte Jugend das Projekt ja eigentlich gedacht ist... Erstmal beobachten und Tee trinken, is die Devise der Araber.


Auf der Terasse des letzten Hauses, direkt neben den Frischverheirateten, sassen zufaellig Ghadeers Mutter und Schwester, die auch Osterbesuche gemacht hatten: „Huuhu, Maedels! Hier sind wir!“  - und machten einen Eindruck, als haetten sie schon stundenlang so gesessen... Und womit vertrieb sich die angesammelte Horde dort die Zeit? Mit dem Beobachten des Hauses der Frischverliebten, wer da so zur spaeten Stunde noch Osterbesuche macht – NATUERLICH alles untermalt mit Kommentaren a la „Wer is das denn? Kennst du die?“ „Ja klar, das sind doch ihre Eltern aus XY. Die muesstest du doch von ... her kennen.“ „Ja, du hast recht, jetzt faellts mir auch wieder ein – sie hatte doch letztes Jahr so Probleme mit dem Knie...Blablabla...“ . Ich weiss beim besten Willen net wieso, aber mich ergriff irgendwie ein heimisches Gefuehl...


DAS war nur 1 Tag unserer Osterbesuche. Das Interessante und Schoene ist, dass die sich nen Ast freuen, wenn du sie besuchen kommst und ich durfte mir mehrmals „Du bist immer willkommen – jederzeit! Besuch uns oefters, ja? Du weisst ja jetzt, wo unser Haus steht...“ anhoeren – teilweise von Leuten, die ich vorher noch nie gesehen hatte! In dem Wissen, dass das nie klappen wird wegen mangelnder Zeit, habe ich allen hoeflich zugesagt.


Ende der Tage: gluecklich und vollgestopft. Habe ab den 4.Besuchen immer angefangen, die Plaetzchen und den Suesskram in die Taschen verschwinden zu lassen... wird akzeptiert.

Mir gehts sonst ganz gut – haben gerade mal Strom (was mich auch dazu verleitet, schnell nen Blog zu schreiben) und seit heute wieder Wasser. Letzte Woche war mal wieder nix mit Duschen – also sind wir zum Toten Meer runtergefahren (1 ½ Stunde Autofahrt) und haben da mal ordentlich gebadet und geduscht. Traditionsmaessig wurden mir wieder meine Schuhe geklaut – ich ueberlege, morgen mal in den Secondhandlaeden in Karak danach Ausschau zu halten...


Werd mich jetzt nach draussen begeben und die sommerlich warme und fruehlingshaft duftende Abendluft einsaugen – und ihr? Heizung aufdrehen? Dicken Schlafanzug anziehen?


Eure Schw.esther

3.5.09 22:01

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Martin (4.5.09 04:06)
Nichts da! Hier ist super Wetter, ebenso frühlingshaft duftende Abendluft- besser als bei euch - ÄTSCH!!! Thema "Dat war schon immer so...": Klingt eher nach den letzten Worten einer sterbenden Gemeinde - "Das haben wir schon immer so gemacht..."


Brocki (8.5.09 18:18)
Viel Spaß beim Schuhe suchen!
Gehste eigentlich auch Papst glotzen??
Hab von ner arabischen Sitte gehört, dass gelegentlich mit Schuhen auf prominente geworfen wird.
Sehe schon die Schlagzeile: "Papst mit Schuhen einer Siegerländerin mit hochsauerländischen Wurzeln beworfen. Ca. 25 einwohner und 138 Kühe des Dorfes F. sind in heller Aufruhr"

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