Mal hier und das

Wir rennen nicht. Hab mich aber bereits abreagiert, bin also wieder ok. J
Aber noch soooo mueueueueuede. Allerdings nicht so sehr wie Dirk und Mela. Mela ist seit 2 Tagen krank, Dirk pendelt ohne Unterbrechung nach Amman, Aqaba usw. Alle ziemlich geschafft zur Zeit.
Werde im April mit Radeer den Dead-Sea-Marathon von Amman zum Toten Meer runter mitmachen. Dirk will auch mitmachen, aber durch seine taeglich wechselnden Arbeitszeiten weiss man da nicht so wirklich... So, un nu die letzten news der letzten Wochen:

1.)    Wetter: Vorgestern 22Grad um 11 Uhr. Heute 8 Grad um 11Uhr. Letzte Woche Schnee. Wechselhaft wie die Launen einer Frau, wenn ihre Hormone durchdrehen! War mir gar nicht klar, wieee sehr ich den Schnee vermisst hatte! Bin zum Entsetzen der Autofahrer 3 Stunden im eher-Regen-als-Schnee spazieren gegangen. Wechselt seeeeehr schnell hier, mannomann... Heute Schnee, morgen sich-sonnen-koennen-Wetter! Von wegen erstmal  Fruehling und so – Pustekuchen! Mittlerweile hat der Sommer wieder offiziell hier angefangen. Symptom: Seid vorgestern gibt es wieder Eis im Lande Jordaniens!!! Im Winter wird kein Eis importiert, da findest du NIRGENDS n Eis, egal, wie warm es ist... 
 

2.)    Vorletzten Freitag war Party angesagt! Wir hatten 40 Kinder im Haus zur Geburtstagsfeier von Josefa. Zum Glueck war das Wetter toll, denn keiner will sich das antun, 40 arabische Kids einen Nachmittag im Haus zu halten... Habe denen mit arabischem Uebersetzer die Geschichte von Koenig Ahab und dem Weinberg erzaehlt. Hat Spass gemacht, echt. Und kam auch an, also alles in Butter. Danach Spielparade, Mampfsession... wie immer halt.


3.)    Vor ein paar Wochen war die bereits angekuendigte Gruppe der Senoren hier, sprich Dirks Eltern mit Freunden. Habe ein paar Tage mit denen verbracht – die kann man einfach nur mit #Sijalaenner in Jordanien# betiteln!! Haette die am Liebsten heimlich aufgenommen und damit ein Skript fuer ein Komoedien - Theaterstueck entworfen, echt! Beispiel Autofahrt nach Amman: "Ne, also wenn ich die Fensterscheiben hier sehe, dann denke ich, ich muesste putzen - da krabbelt es mir in den Fingern!" Und ueber die spielenden Kinder auf dem Muellberg: "Also, die koennen doch mal die Zeit nutzen und mal fegen! Alles mal schoen in de Reih bringen!" ... Ich sag nur: Siejalaenner pur! Mehr aber spaeter. Moechte mich nochmal mit Genuss an die Tage in Petra (eeeeendlich war ich mal in Petra!!!! Es hat sich gelohnt, und wie!) und in Wadi Rum erinnern. Also keine kurze Abhandlung an dieser Stelle... 
 

4.) Anfang des Jahres habe ich einen German-Club begonnen, da mehrere Anfragen von verschiedenen Seiten her kamen. Problem: verschiedene Seiten. Da machste dann das Angebot, 1 mal die Woche mit ihnen zu lernen – und fast keiner kommt, weil sie erfahren haben, wer noch alles eingeladen wurde (ich betone an dieser Stelle, dass ich nur Maedels eingeladen habe, da das mit Jungs gar nicht denkbar waere, dass die Eltern den Maedels erlauben wuerden, hierhin zu kommen): Die moslemischen Nachbarn kommen nicht, weil auch christliche (einheimische) Maedels eingeladen sind. Die Enkelin der Vermieterin kann ich nicht einladen, weil sie in irgendeinem Gezicke mit den moslemischen Nachbarn steckt, das ich nie so ganz verstehen werde. Die christlichen Maedels kommen nicht, weil das ja im Gegensatz zur Jugend, die wir anbieten, keine Gelegenheit ist, mit den christlichen Jungs zusammen zu sein. Und so weiter... Ich bringe nun 3 echt tollen, lernbegeisterten jungen Erwachsenen in meinem Alter Deutsch bei, was mir ehrlich gesagt viel lieber so ist. Sie sind eh miteinander befreundet und es ist auch wurscht, dass einer von ihnen ein junger Mann ist, weil das ja hier im Haus stattfindet – also im geschuetzten Rahmen. J Ich freu mich schon immer auf den German-Club, weil wir viel Spass haben und mir das selber gut tut. Die koennen einfach kein "ch" aussprechen, da bleibts dann eben beim "Isch liebae disch"...


 5.)    Die Jugend. Wir haben z.Z. genau deswegen ein paar Probleme, um es gelinde auszudruecken... Denkt nicht, Maedels und Jungs duerften sich – selbst in der Gruppe – ohne Eltern auch nur 1 Stunde in der Woche mal so untereinander sehen! Betone fairerweise, dass das nicht bei allen Christen in Jordanien so ist. In Amman ist z.B. alles vieles lockerer, wenn auch noch LAENGST nicht so wie bei uns... Karak ist Karak. Und die Jugendlichen schweben zwischen Gehorsam ihren Ellis gegenueber und dem Wunsch, sich kennen zu lernen. Leider bekommen sie keine gute Anleitung, wie sie normal miteinander umgehen koennen. Unterhaelt sich ein Maedel laenger mit einem Junge, bekommt es Aerger mit den Eltern. Nicht wie bei den Moslems, aber es ist dennoch unbegreiflich fuer mich. Wie bitteschoen sollen die sich kennenlernen?
Nu ja, und mit unserer Jugendstunde bieten wir den Eltern genuegend Futter, sich fuerchterlich aufzuregen – Jungs UND Maedels 3 Stunden unter Aufsicht von Deutschen, die keine Moralvorstellungen haben...also nee! Erst hiess es, die Jugendlichen waeren, seit sie in die Jugendstunde gingen, schlecht in der Schule geworden – die Treffen duerften nicht mehr statt finden. Dann gaben die Eltern doch zu, dass es ihnen nicht recht waere, wie offen das gefuehrt wuerde. Dirk und ich sehen das anders. Die Teenies sind (zum groessten Teil) unter "staendiger Beobachtung" - und ich weiss nicht, was hier als "Flirten" angesehen wird, aber es ist definitiv nicht das Flirten vorhanden, wie wir es im Westen als solches Betrachten wuerden. Wir sehen sogar im Gegenteil geistliches Wachstum bei Einigen; den Wunsch, mehr zu hoeren und zu lernen.
Hatten ein echt cooles Gespraech mit dem Pastor. Ok, es gibt 2,3 Leutchens, die sich abseilen und bei denen wir keine Ahnung haben, wo sie sind und was sie tun. Haben wir dem Pastor auch ehrlich so gesagt. Auflage des Pastors: sprecht mit diesen Jugendlichen, dass sie nicht mehr so oft beisammen sein duerfen waehrend der Jugendstunde, aber macht auf jeden Fall weiter. Fanden wir auch sinnvoll (betone noch einmal, dass wir hier nicht in Deutschland sind und wir Rieeeeesenaerger bekommen wuerden, wuerde unter unserer Aufsicht etwas passieren. Abgesehen davon bedeutet bei den Teenies das Zusammensein von Jungs und Maedel was ganz anderes als bei uns – da koennen die auch direkt heiraten. Und die sind erst 16!).
Gesagt, getan: am darauffolgenden Samstag hatte ich die Ehre, mir die Pappenheiner zur Seite zu nehmen, um ihnen zu erklaeren, dass ihr Verhalten nicht erwuenscht sei und der Jugendkreis geschlossen werden muesse, wenn das nicht aufhoeren wuerde. Habe angedeutet, dass ich das selbst nicht ganz nachvollziehen kann, aber auch das Argument angewandt, dass sie ein Vorbild fuer die Juengeren (14-Jaehrigen) seien, hinter dem ich auch stehe.
Haben es laechelnd aufgefasst und mir zugestimmt! So laeuft der Hase hier halt – hoeflich sein, laecheln. Werde nie erfahren, was sie wirklich denken. Wuenschte mir, sie wuerden mehr Klartext reden, dann koennten wir eher sehen, was Sache ist und wie wir damit umgehen koennen, anstatt Vorgaben zu machen, die laechelnd hingenommen werden... Kaum war das geregelt, tauchte ein huebscher Unbekannter (natuerlich aus dem gleichen Tribe, sonst koennte der nicht einfach so in die Gemeinde reinmarschieren) auf, um jetzt regelmaessig Samstags mit einem der Maedels abzuduesen. Ahhhhhh.... Kann mich auf das naechste Gespraech vorbereiten.

Die Sache ist die: Ich stehe nur teilweise hinter dem, was ich sagen muss, kann das aber nicht so ganz ehrlich sagen, weil das sonst ein Riesenkrach zwischen Eltern und Teenies geben wuerde und dann koennten wir auch sofort dicht machen. Denn bestimmte Eltern haben das Sagen - Tribegeschichte. Andererseits muss das Verhalten aufhoeren, weil wir sonst auch die Jugendstunde schliessen muessten. Und ich habe da doch sooooo gute Gitarrenschueler...


 6.) Vor wenigen Wochen ist eine unserer Patientinnen gestorben. Farduus war nur wenige Monate alt. Sie und ihr Dad haben hier nur 1 Nacht verbracht und sind dann direkt nach Israel weiter, da sie ein Notfall war, noch 6 Wochen zu leben. Es hat alles – vom Irak bis ins Krankenhaus – reibungslos geklappt – und dann das. Sie starb nach der OP u.a. an Trombosen, die sich in ihren Beinen gebildet hatten. Das ansich war natuerlich schon schlimm genug. Aber obendrauf beschloss ihr Vater dann, direkt mit dem naechsten Flug zurueck in den Irak zu fliegen,  weshalb er  in Amman mit dem Sarg neben sich eine komplette Nacht in der Flughafenhalle verbringen musste, bis der Anschlussflug kam... Stellt euch das mal vor. Oder lieber nicht.

Ein  weiterer Fall ist Ali, ein 4-Jaehriger kurdischer Junge, der ein komplettes Jahr im Krankenhaus in Tel Aviv verbrachte (normalerweise sind die nach ein paar Woche  wieder zu Hause)! Ist uns in der Zeit natuerlich ans Herz gewachsen, logo! 2 Operationen hinter sich, keine Heilung des Herzens. Vor wenigen Wochen mussten seine Eltern die Entscheidung treffen, ihn in Israel zu lassen oder in den Irak zurueck zu fliegen. Die Aerzte haben die Hoffnung aufgegeben und meinen, er wuerde bald sterben, es sei nichts mehr zu machen. So sind Vater und Sohn natuerlich zurueckgeflogen, damit Ali zu Hause sterben kann. Das ist fuer alle Shevet-Mitarbeiter sehr sehr traurig. Natuerlich haben wir alle das Jahr ueber mitgefiebert und gebetet. Wir geben auch jetzt die Hoffnung noch nicht auf, denn Gott KANN heilen! Ali bekommt wahnsinnig teure Medikamente bezahlt, die ihm helfen, zu atmen – falls es jemand von euch auf dem Herzen hat, die mit zu bezahlen: www.shevet.org – da kann man sich gut durchklicken.


Die andere Seite der Medaille: Ich hatte euch doch schon von Akram erzaehlt, woh? Kam vor genau 1 Jahr hier an: konnte aus Schwachheit nicht gehen, 1 Lunge kollabiert, die andere mit Wasser gefuellt, Tuberkulose, mit 17 Jahren nur 33kg!! Der Spezialist aus Israel sagte, er solle hier bleiben oder in den Irak zurueckgehen, auf jeden Fall wuerde er sterben! Auf der Shevet-Seite koennt ihr in seinem Verlaufs-Bericht sehen, wie er vor 1 Jahr aussah und wie er jetzt aussieht – UNTERSCHIED WIE TAG UND NACHT, ohne Witz! Vom depressiven Skelett zum jetzt nicht dicken, aber gut proportionierten, froehlich verrueckten jungen Mann, das ist echt der Hammer!! Es ist mir wie eine Ehre, dass ich solch ein Wunder ueber die Monate hinweg mitansehen durfte. Akram befindet sich seit gestern endlich in Israel, nachdem seine Lungen etc. hier auf Vordermann gebracht wurden.
Musste so lachen, als seine Ma vorgestern hier ankam, um ihn nach Israel zu begleiten. Er, sein Freund und ich hatten den Abend ueber mit Quatsch labern (mehr Gesten als reden... die sagen doch tatsaechlich, Hollaenderinnen waeren huebscher als deutsche Maedels! Habe ihnen vermitteln koennen, dass blonde Maedels – auf die die Araber vollekanne stehen – oft hohl in der Birne sind... du nicht, Kadda!), singen, Quatschvideos auf Handys angucken und Musik hoeren verbracht, als die Nachricht kam, seine Mutter wuerde in 1 Stunde ankommen. Grinst, springt mit seinen fuer ihn typischen Schlabberklamotten auf und meint, er muesse sich dann wohl ma in Schale werfen. Nachdem ich ½ Stunde lang die Erfahrung machte, dass es moeglich ist, sich mit einer Person – hier mit seinem Freund -  zu unterhalten, von deren Sprache man nur 5 Woerter versteht (kurdisch, und ich kann ja schlecht ½ Stunde das Gespraech mit "Gute Nacht! Moechtest du Karten spielen? Lecker! Schoen!" bestreiten) ... -dachte ich, ich seh net recht, als Akram IM ANZUG und mit gegelten Haaren hier antanzte. Und waehrend seine Ma durch das Tor kommt, erlebe ich diesen Typen, der uns immmer zum Lachen bringt, ploezlich als unsicher, hihi! Sagt mir, sein Herz wuerde voll pochen und fragt mich, ob er so gut aussehe... Keine Frage, die Mutter hat die Hosen an! Ihr Mann war schon gestorben, soviel wusste ich. War viel aelter als sie bei der Hochzeit.
Und jetzt ratet mal, mit wievielen Jahren Akrams Mutter geheiratet hat!
???
Ich wusste, dass Akram noch 9 Geschwister hat. Also musste seine Mutter alt sein. Bei der Ankunft der Irakis konnte ich nur junge Frauen sehen, so um die 30-40 Jahre rum. Dachte, Akrams Mutter waere nicht dabei... woher sollte ich auch wissen, dass sie mit... 11 JAHREN geheiratet hatte!?

 
Mit 11.


Sie begruesste ihn mit: "Akram! Ich hau dich, wenn du diese langen Haare nicht abschneidest!" Das war wohl ihre Art, ihm zu sagen, dass sie sich freute, ihn wieder zu sehen...

Nebenbei ist z.Z. u.a. auch eine Mutter bei uns, die genauso alt ist wie ich - und schon 6 Kinder hat! Die Tante hat mit 12 geheiratet...


Ich mach ma hier nen Punkt:
.

Damit ihr kurz aufatmen koennt, bevor es gleich weitergeht...

15.3.09 16:25, kommentieren

Habe den Blog gerade erst losgeschickt, da erzaehlt mir Mela, dass die Brasilianer doch nicht mitlaufen. Gleichzeitig bekommt eine Patientin einen Atemnot-Anfall. Mela schliesst sie an die Oxygen-Flasche an. Dirk soll sie zur Grenze bringen, denn sie muss so schnell wie moeglich nach Israel ins Krankenhaus... 

Und jetzt mal zu dem Wetter&Co der letzten Wochen:

12.3.09 09:25, kommentieren

Halli, halloechen!
Er geht noch nicht mal mehr an. Niente. Netterweise haben Kleinlohs sich erbarmt und mir ihren Laptop geliehen. Also kann ich euch wieder auf dem Laufenden halten...


Ich lebe noch.


Ob ich morgen abend noch lebe, ist fraghaft. Wir haben heute vor, an dem beruehmtesten Marathon Jordaniens teil zu nehmen, dem #Dead-sea-marathon#. Start am Toten Meer – Ziel nach 240km: Aqaba. Jip, 240km. Hatte ja bereits erwaehnt, dass man den zu 10t bewaeltigen wird, also im Grunde nur 24km fuer jeden. Aber da bei uns das drueber-und-runter-gehen an der Tagesordung ist, machen wir da so einfach nicht mit. Ich kann euch nur den momentanen Stand der Dinge sagen, denn dieser aendert sich seit 1 Woche mehrmals am Tag :

Vorwarnung: Ich bin genervt – und wie! Urspruenglich haben wir ja mit der Jugend trainiert, aber sie haben sich in ihrer #wir fangen was an und lassen es nach und nach sein# - Einstellung bewaehrt und koennen jetzt eh nicht mitlaufen, weil sie fuer Pruefungen lernen muessen (Wenn ich im Studium gelernt habe, dass die Kinder in Japan am meisten fuer die Schule lernen muessen, dann kommt meiner Meinung nach Jordanien auf Platz2). Nu ja, neben Dirk und mir laufen noch eine Freundin aus Karak (Radeer, ein paar von euch kennen die ja) und ein Bekannter aus Aegypten sicher mit. Da waeren wir ja schonmal zu 4t... Vorgestern waren wir noch zu 9t!

Ahhhhhhhh - sowas kann ich absolut nicht haben und ich bin uebelst genervt. Vorbei die Vorteile-Sicht dieser Kultur. Ich will laufen, denn wir haben seit Monaten echt hart trainiert! Sollen alle relaxt sein wie sie wollen, aber doch nich bei sowas! #Och, sag ma, wann war eigentlich nochaml der Marathon? Uebermorgen? Oh, da kann ich dann doch nich, da haben wir Hochzeitstag...# (ein Ami, kein Jodanier) usw. HALLo!? Gestern abend hat Dirk noch 2 Brasilianer erreicht, die evtl. mitlaufen. Mal schaun... Tatsache ist: der Lauf beginnt in 5 Stunden und NICHTS sieht so aus, als koennten wir den machen. Dirk war bis gestern in Aegypten, hat ne Reisegruppe rumgefuehrt. Wollte nachts zurueckkommen. Hatte Aerger an der Grenze, musste da schlafen. Befindet sich jetzt erst auf dem Weg hierher... Wir muessen die Leute zusammenkriegen und noch zum Toten Meer fahren. Und wir sind noch nicht mal angemeldet. An sich kein Problem, das ist das Gute an der Gemuetlichkeit hier, da kannste das auch noch schnell machen, wenn die Ersten schon loslaufen.

Trotzdem: Ahhhhhhhhhhhhhhhh!!! Was soll ich machen? Mit dem Kopf gegen die Wand rennen?

Jaja, bin uebermuedet (seit Dirk weg is, heisst es 6.30Uhr Arbeitsbeginn), sonst wuerde es mir nicht einfallen, euch das au schreiben. Alles erscheint dann 10mal schlimmer, als es ist, ihr kennt das ja (zumindest die Weibchen unter euch). Traeume seid Tagen von chaotischen Laeufen und schreinden Kindern. Mein Rezept #Kopfhoehrer auf und durch# bewaehrt sich seid ein paar Tagen - sonst waere ich in Gefahr, einen Kleinkrieg anzuzetteln!

Und, wie gehts euch?

1 Kommentar 12.3.09 09:09, kommentieren

Frauen und Computer

Mein Computer ist schrott. Gestern haben 3 Männer ihren Urlaub damit verbracht, ihn wieder hinzubiegen (Informatiker dabei) - kaum sind sie wieder weggeflogen, lacht mich das Ding an und geht aus...

Ich schreibe euch nur kurz, weil ich Schiss habe, dass der gleich wieder abstürzt (er bleibt in der Regel  2-4 Minuten an, ahhhh!). Und damit ihr wisst, warum ich nicht auf eure E-Mails antworte. Seit dem letzten Blog stürzt der ab ohne Ende... Frage mich, ob ich eine wissenschaftliche Studie angehen und prüfen sollte, ob Computer mit Menschen kommunizieren, a la "Ich stürze ab, bis du beschliesst, kürzere Blogs zu schreiben" oder so...

!?

Also, ich hoffe, euch gehts gut und ich meld mich wieder, wenn das Ding hier nicht mehr bockt.

Eure Schw.sther

1 Kommentar 28.2.09 10:34, kommentieren

Wir jammern ohne Grund - ma ehrlich...

 

„Bevor wir Kairo verlassen, wollen wir uns noch unbedingt diese Kirche auf der Müllhalde anschauen.“ Vor Kurzem war ein Pastor bei uns, der davon erzählte, in den 70ern dabei geholfen zu haben, eine Kirche in einer Müllhalde aufgebaut und mit den Leuten, die dort lebten, gearbeitet zu haben. Ich weiss nur noch, dass ich diesen Mann unheimlich interessant fand (nicht, wie ihr denkt, Tratschis. Der war schon 'n Opa.). Dennoch muss ich mir 2mal überlegen, ob ich mit will, denn ich hätte gerne mal Ruhe und außerdem schwebt mir ein riesiger Müllhaufen vor, in dem sich eine kleine Bruchbude mit Kreuz auf dem Dach befindet – kann ich mir auch so vorstellen, also...

Ich bin dann doch mit. Unser Taxifahrer weiss nicht, wo sich diese Kirche befinden sollte. Da es aber nur 5 Müllhalden in Kairo gibt und wir ihm zumindest den Namen der Gegend nennen können, fahren wir schonmal in die richtige Richtung: Raus aus Kairo, eine Straße, die sich den Berg hochschlängelt und uns den Eindruck vermittelt, wir hätten uns verfahren, weil die Gegend gottverlassen aussieht. Nach ½ Stunde biegen wir rechts ab. Ein Mann auf einem Eselskarren kommt uns entgegen, er hat Müllsäcke geladen. . Wir fahren die 4m-breite “Hauptstraße“ entlang, die durch das ärmste Viertel führt, dass ich je gesehen habe: Rechts und links stapeln sich Müllsäcke, die Häuser sind Bruchbuden und teilweise bis zur Decke mit Müll gefüllt. Ich rede hier nicht von alten Sofas oder sowas, sondern von Flaschen, Dosen, Dreck. Während wir durch dieses Gebiet fahren, bietet sich mir ein Bild, das zu beschreiben mir einfach die Worte fehlen - ich habe noch nie solch eine Armut gesehen. Menschen lungern auf der Straße rum und kramen in Müllsäcken. Ich frage mich mit Entsetzen, worin die schlafen – legen die ihre Babys zum Schlafen in Autoreifen? Ohne es zu wissen, befinde ich mich zum 1.Mal in meinem Leben in einem Slum.

Wir fahren den Berg weiter hoch, aus dem Viertel raus – und befinden uns direkt an der „Kirche“ - oder besser gesagt: Auf dem “Kirchen- und Klosterkomplex St.Sama'an“. Hört sich erst mal nicht annähernd so interessant an wie ein Matrix-Film, ich weiss, aber wartet mal ab... Denn von Klostern, Kathedralen oder Kirchen sehe ich erstmal rein gar nix. Ich sehe nur riesige Felswände um mich herum, in die Personen, Tiere und Buchstaben gehauen, verziert und z.T. auch angemalt wurden. Bei näherer Betrachtung erkenne ich biblische Figuren, Szenen und Verse. Hier die hochschwangere Maria auf'm Esel und dort ein Kamel neben dem Stall, in dem sich die Weihnachtsgeschichte abspielt. Auf der Felswand, die alle anderen überragt, erscheint ein über-über-überdimensionaler Jesus von Engeln umgeben. Über ihm steht “Will see the son of man coming in the clouds with great power and glory“. Ich bin beeindruckt.

Unter dem in-den-Wolken-kommenden-Jesus befindet sich ein großer Parkplatz, den man nur durch ein Kunstwerk in Form eines Fisches fahrend erreichen kann. Egal, wo wir hinkommen, sind die Felswände voller Figuren und Verse. Von wegen Bruchbudenkirche auf ner Müllhalde... Aber wo ist denn jetzt die Kirche? Und wo die Müllhalde?

Wir gehen eine Plattform hinunter und stehen vor der Öffnung eines Felsens. Links von uns ist eine Kreuzigungsszene aus Mosaiksteinen zusammengesetzt worden. Darüber steht: „Blessed is the king who comes in the name of the lord? Teacher, rebuke your disciples! If they keep quiet, the stones will cry out!“ Ich habe keine Ahnung, wo da die Zusammenhänge genau sind - und was ist das alles überhaupt für ein Ort? Ich kann ihn nicht einschätzen. Kultur? Religion? Sehenswürdigkeit? Was??

Wir betreten die Öffnung. Vor uns tut sich eine riesige Höhle auf. Im Halbkreis reihen sich massenweise Stühle (wie ich hinterher erfahre, sind es 2.000) und Bänke in Stadiontribünenform aneinander – in Richtung der Bühne unten, die mit Sound- und Lichtsystem und einer Leinwand ausgestattet wurde. Eine rieeeeesige Höhle! Wir laufen herum und gucken uns staunend alles an. In die Felswände wurden auch hier rundherum biblische Szenen gemeißelt. An der Decke steht groß eingeritzt: “Amen, come, Lord Jesus!“. In eine Felsöffnung auf der anderen Seite der Höhle wurde Glas eingesetzt, so dass dieses “Fenster“ die dunkle Höhle -mittelmäßig- erhellt. Ich höre Vögelgezwitscher – in der Decke haben sich die Zweibeiner Nester angelegt – und nicht wenig... Direkt unter einem der Nester wieder die Szene: der Sohn kommt über die Hügel.

Außer uns läuft ein vielleicht 15-jähriger Junge mit einem Eimer hin und her. Er betrachtet uns neugierig. Wir quatschen ihn an und er erzählt, dass er hier arbeitet – und lebt! Hier??? Tatsächlich, hier wohnen Menschen, wie wir erfahren. An diesem Kunstwerk von Felsen zu arbeiten, ist sozusagen ihr Lebenswerk. Und sie wollen Gott dienen. Denn – da ist ja nicht schwer drauf zu kommen – die Höhle, in der wir uns befinden, ist die Kirche. Jeden Sonntag wird sie gefüllt von den Menschen, denen wir auf unserer Hinfahrt begegnet sind...Ich bin überwältigt. Ich fühle einen Frieden hier wie schon lange nicht mehr. Setze mich hin und denke: Hier könnte ich arbeiten, hier passiert wirklich was! Und gestehe: heule wie ein Schloßhund, während sich 100e von leeren Stühlen unter mir ausbreiten und die Vögel über mich hinwegfliegen.

...Später lese ich auf einer Tafel, dass diese Höhle 1974 entdeckt wurde. Sie ist 17m hoch und war randgefüllt mit Tonnen von Steinen. Das jetzige Glasfenster war die Öffnung, durch die man anfing, zu graben. Aber erstmal beteten die Menschen 7 Jahre lang um Gottes Führung und seine Weisheit, wie man in die Höhle kommen könnte... 1991 begann man, die vielen Trümmer zu beseitigen und 140.000 Tonnen Steine (!) von den Wänden und dem Grund der Höhle niederzureißen bzw. zu zerstören. Es gibt 2 Geschichten zu dieser Höhle (logo, wäre ja auch zuuu langweilig, wäre alles klar und deutlich):

Die meist Verbreitete besagt, dass dies die „St.Simon the Tanner hall“ war, die 2.000 Menschen in spirituellen Treffen zusammenbringen sollte. Oder: Wir befinden uns in der „St.Markus Church“, die auf den Evangelisten Markus zurückgeht – dann hätte er hier Gottesdienste abgehalten...

Es gibt noch Genug zu sehen, also weiter. An der Plattform, die wir eben hinuntergegangen sind, arbeiten nun ein paar Jungs. Ganz gewöhnliche, arme Jungs - vermutlich besitzen sie nur die Klamotten, die sie anhaben. Bin erstaunt, denn vermutlich habe ich einen Picasso erwartet, einen alten, grinsenden Maler mit Meißel in der Hand und ner Schürze um... Ich erfahre, dass der "Meister“ (aus Polen) diese Jungs zur Mithilfe angeworben hat. Einer mischt Zement, ein anderer arbeitet an der Verzierung einer Blume.

Wir entdecken ein paar 100 Meter weiter (was heisst entdecken? - übersehen kann man es einfach nicht!) ein „überdachtes Stadion“, nur, dass unten nicht die Fußballer zeigen können, was sie drauf haben, denn es ist - taddaa – wieder eine Kirche. Richtiger: ne Kathedrale. Und die Decke ist keine Plane, sondern - taddaa - ein Felsen. Unten befindet sich die Kanzel, die Wand ist von irgendwelchen Heiligenbildern verziert. Spätestens jetzt frage ich mich: was für eine Religion wird hier eigentlich ausgelebt? Klar, irgendwas Christliches, aber wir haben uns ja entschlossen, 10.000 verschiedene Meinungen zu haben und daraufhin jedesmal eine Abspaltung irgendeiner Kirche oder Gemeinde zu gründen...In den Felsgebäuden hier treffen sich die Kopten. Platt gesagt wäre das die Katholische Kirche in Ägypten.

Ihr Gründer soll der Evangelist Markus gewesen sein, den sie auch als 1.Bischof von Alexandria nennen (Der jetzige Papst der Kopten ist sein 177.Nachfolger!) . Neu ist mir, dass unser Mönchtum seinen Ursprung bei den Kopten hat... Die koptische Kirche erinnert mich u.a. durch ihre Liturgie an die katholische Kirche: Die Liturgie in der koptischen Kirche, deren kürzeste Form die Basilius-Version ist, dauert ca. drei Stunden. Sie besteht aus Morgenweihrauch, Stundengebet (dritte und sechste Stunde), Liturgie des Wortes und Anaphora (Liturgie des Leibes) mit Fürbitten, Gedächtnis der Heiligen und Kommunion. Und nu kurz zu dem Nicht-Fußball-Stadion:

“Jungfrau Maria – und St. Simon der Gerber-Kathedrale“ - lange Geburt, woh? Ah, daher auch der Name St. Sama'an (deutsch: Simon)! Die Kathedrale hat eine Hammerstory (ich gebe nochmal die Tafel wieder, die dort hängt):

Am 27.11.979 n.Chr. soll der Moqattam-Hügel versetzt worden sein (von Gott durch einen Menschen). Ende der Story. Gott gebrauchte St.Simon, um dieses Wunder zu erfüllen. Es war die Zeit des 62.Papstes. Während dieser Zeit wurde 3 Tage in einer St.Maria-Kirche gefastet und gebetet. Daraufhin offenbarte die Jungfrau Maria dem Papst Abram, unter wessen Hand sich der Berg bewegen würde, das war dann eben der gute St.Simon. 10.000 Menschen passen in diese zu den Größten in Ägypten gehörende Kirche, die auch mit Licht- und Soundsystem + Leinwand ausgestattet ist. St.Simons Körper wurde 1991 wiederentdeckt – zufällig in der Maria-Gemeinde in Babylon al Darg (1km von Babylon entfernt). Er wurde dann 1992 hierhin transportiert und wird hier aufbewahrt. Sagt die Tafel.

Den Kindern ist das wurscht – sie versuchen ihre affenkletterartigen Talente an Stangen und Gerüsten aus.

Wir gehen weiter – da kommen aus einer der vielen Kathedralen hier Koptenfrauen aus einem Gottesdienst. Aber von wegen „Hey, und sonst alles klar bei dir?“, „Coole Predigt, ne?“ oder „Und, wo geht’s jetzt hin?“ ! Die kommen im Zug daraus - alle schwarz angezogen – und marschieren singend über den Platz. Aber nicht 3-stimmig „Oh happy day!“ oder so. Ich kriege Angst, die würden mich gleich anfallen - denn sie kreischen und heulen wie Indianer auf dem Kriegspfad! Drehe natürlich ein Video davon. Muss mir ja treu bleiben.

 

Ich steige eine lange Wendeltreppe herauf und stehe auf dem Flachdach des Caffees, das dem Kirchenkomplex angehört. Ich gehe an den Rand des Flachdachs, von dem aus man den Berg sehen sollte, den wir eben hochgefahren sind.

Ich kann es nicht weniger dramatisch ausdrücken, als das bei dem Anblick, der sich mir bietet, mir das Herz bricht! Ich sehe zum ersten mal in meinem Lebens einen Slum - in voller Größe breitet er sich unter mir aus und reicht bis fast zum Horizont!

Wohnblocks dicht aneinander gereiht, soweit das Auge sehen kann. Alles ist voller Müll – Straßen, Höfe, Häuser, Dächer – überall stapeln sich massenweise Müllsäcke und noch nicht getrennter Müll! Zwischen Wellblechhütten spielen kleine Kinder auf staubiger Straße im Müll, in dem Schweine nach Essenresten und Ziegen nach Papierabfällen suchen. Das ist also die Müllhalde... Nur ist es keine Müllhalde in unserem Sinne, sondern der Wohnort von mehreren Tausend Menschen. Müllmenschen.

Sie leben auf großen Müllhalden vor der Stadt Kairo, sie wohnen in notdürftigen Häusern aus Wellblech, zwischen Abfällen und Ratten. Allein in Kairo gibt es ungefähr 60.000 Müllmenschen (eine andere Quelle spricht von 200.000!), die auf 5 Müllhalden leben.

Familien wohnen und leben auf und von der Müllhalde. Mir ist zum Heulen zumute.

Kairo kannte bis vor ein paar Jahren keine zentrale Müllabfuhr. Ihre Bewohner, ihre Geschäfte und Betriebe zahlten nichts dafür, dass der Müll eingesammelt und getrennt, wiederverwertet, deponiert oder verbrannt wird, im Gegenteil: Das Recht zum Müllsammeln musste auch noch erkauft werden. Tausende von Müllsammlern, Zabalins genannt, leben in Kairo vom Müll. Meist sind es koptische Christen (die in diese Höhlenkirche kommen), aber auch arme Muslime aus den ländlichen Provinzen des Landes, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Hauptstadt gezogen sind. Dort aber bleibt vielen aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit nur der Ausweg sich das Recht zum Müllsammeln zu erkaufen. Da Ägypten islamisch dominiert ist, haben sie mit vielen Benachteiligungen zu kämpfen. 2003 wurde eine zentrale Müllabfuhr eingerichtet, um den Müllmenschen ihre Lebensgrundlage zu entziehen.

Mit Eselskarren oder kleinen Lastwagen fahren sie täglich in "ihren" Bezirk und sammeln an den Straßenrändern und in den Hinterhöfen allen Müll in große Säcke und bringen ihn in die Müllstädte, zum Beispiel nach Muqattam, vor deren Müllstädte ich jetzt stehe. Es ist wichtig, dass sie noch vor der städtischen Müllabfuhr dort sind, denn das Müllsammeln in Ägypten ist illegal. Vor der Gründung der städtischen Müllabfuhr bekamen die Zabbalin noch ein kleines Trinkgeld von den Bewohnern.

Der in Kairo gesammelte Müll wird hier abgeladen und dann sorgfältig sortiert. Zuerst wir herausgesucht, was Menschen noch essen können, dann, was man noch an Tiere verfüttern kann, und dann wird getrennt nach Papier, Metall Glas und Kunststoff - nach dem also, was an Recyclingfirmen verkauft werden kann. In einem Haus kann ich erkennen (es gibt keine eingebauten Fensterscheiben, höchstens hier und da Tücher davor), wie die eine Etage mit Flaschen, die andere mit Dosen und eine weitere mit Metallstücken vollgepropft wurde – sortierter Müll. Ich frage mich, wie viele Menschen hier verhungern, während ich Kinder beobachte, die in Säcken wühlen.

Fleisch essen die Zabbalin nicht, denn es ist zu teuer. Auf den Tisch kommen Brot, Milch, Käse und Gemüse. Bis abends muss der Müll fertig sortiert und verladen sein, denn die Zabbalin brauchen diesen Platz ja zum Schlafen und Wohnen. Ich frage mich, worauf sie schlafen – auf Pappe? Die Lebenserwartung der Zabbalin beträgt ca. 50 Jahre. Grund dafür sind die hohe Verletzungs- und Infektionsgefahr. Hat man diesen Anblick mal gesehen, ist einem das ganz klar, denn man kann keine einzige saubere Stelle entdecken, soweit das Auge reicht- stellt euch das mal vor!!

Der Lohn der Zabbalins besteht aus dem Erlös des Wiederverkaufs des handverlesenen Mülls. Der Restmüll wird an Ort und Stelle verbrannt, so dass ständig Rauch über dem Gelände liegt. Die unkontrollierte Lagerung und Verbrennung des Mülls verursacht nicht nur einen beißenden Gestank nach Fäulnis und Verwesung, sondern auch gravierende Probleme für Mensch und Umwelt.

Krankheiten verbreiten sich jeden Tag, besonders Krankheiten der Bronchien. Fliegen, die die Müllhalden bewohnen, übertragen schwere Infektionskrankheiten. Erkrankungen der Atemwege, Hauterkrankungen und Blasen-Beschwerden quälen viele der Bewohner. Hier arbeiten die Menschen nicht nur ohne Atemschutz und Schutzkleidung, hier wohnen sie auch (was ich jetzt zum X-ten mal sagen muss, denn ich denke, ich träume schlecht! Bin ich tatsächlich einer von den Snobs, die keine Ahnung von der Welt da draußen haben? Ich komme mir so vor...) .Ohne Trinkwasserversorgung, ohne Abwassersystem, ohne Strom. Inzwischen ist das Grundwasser so verschmutzt, dass es nicht einmal abgekocht verwendet werden kann! Trinkwasser muss außerhalb des Müllviertels in Kanistern gekauft werden.

Ich empfinde diesen Ort als unmenschlich, denn selbst Tiere bei uns haben bessere Bedingungen. Würden sie nur annähernd so leben wie die Menschen hier, käme schon die nächste Tierschutzorganisation um die Ecke, is doch wahr! Fühle mich hilflos, bete. Drehe mich um, weil ich jemanden deutsch sprechen höre. Denke, ich sehe nicht recht: Stehen da 3 Mädels in meinem Alter und beten für den Slum – 1 Deutsche, 2 Engländerinnen. Freue mich, dass hier Menschen zum Beten hinkommen (glaubt mir, das macht was aus)!! Unterhalten uns ein bischen.

Kaum bin ich die Wendeltreppe runter, da kommen mir 7 kleine Mädchen entgegen gesprungen. Wir reden ein bischen, sie laufen kichernd wieder weg. Eines des Mädels dreht wieder um, stellt sich vor mich: „Inti jemila (Du bist hübsch)!“. Das nenn ich mal Timing – denn gut fühle ich mich gar nicht – kommt ein kleines Mädel daher und baut dich wieder auf... Machen Fotos zusammen, was natürlich alle Kinder ringsum anlockt. Alle wollen fotografiert werden. Dann lerne ich ihre Eltern (die Mütter) kennen. Ich weiss nicht, genau, wie, auf jeden Fall sitzen wir 3 Minuten später da und singen zusammen arabische Anbetungslieder – das ist soooo einfach hier, Menschen zwanglos kennen zu lernen. Die Kinder führen Tänze auf. Wir singen, unterhalten uns. Ich liebe es. Leider müssen wir los. Eine Mutter kommt zum Fenster unseres Busses – ihr Pastor (das war also der Mann, der abseits gestanden und uns beobachtet hatte...) würde fragen, ob ich nicht in ihre Kirche in Kairo kommen und einen Gottesdienst gestalten wolle. Sage ihr, müsste leider morgen abreisen. Das wär auch mal noch cool gewesen, in ner ägyptischen Gemeinde einen GoDi zu gestalten. Schade, echt! Schreib mir den Namen der Gemeinde trotzdem auf und versichere, dass ich käme, wenn ich nochmal in Kairo wäre.

Wir fahren wieder durch den Slum zurück. Diesmal sind unsere Fenster geöffnet. Mir wird schlecht bei dem Gestank - und mir wird schlecht davon, dass mir schlecht wird. Frage mich, ob ich das durchhalten könnte, unter diesen Menschen zu arbeiten. Eben stand ich noch auf dem Dach und jammerte über diesen Zustand – und jetzt will ich einfach nur das Fenster schließen. Was bringt einem ein kurzes emotionales Erlebnis mit dem Bedürfnis, den Menschen helfen zu wollen, wenn man sich, sobalds ernst wird, vom Acker macht!?

Ich habe in den letzten 10 Tagen die Pyramiden, die Bibliothek, den Nil, das ägypt. Museum, den Berg Sinai, die heißen Quellen und den Suez-Kanal gesehen – aber mir wird klar:

Erst heute habe ich wirklich was von der Welt gesehen.

2 Kommentare 21.2.09 22:01, kommentieren

Alexandria

 

Am folgenden Tag unternehmen wir einen Ausflug in die 2.-größte Stadt Nordafrikas: Wir fahren nach Alexandria. Fahren ist gut gesagt, denn zuerst müssen wir eine Fahrt in dem ältesten Taxi dieser Welt überstehen, um überhaupt an den Bahnhof Kairos zu kommen. Erst als wir schon in dem Taxi sitzen, geht uns auf, warum der Fahrer so wenig Geld für die Fahrt haben wollte: Nichts in dem Auto ist verkleidet und die einzeln zusammengeschweißten Eisen- (Metall)teile, die zum Fahren benötigt werden, machen den Anschein, als kämen sie aus der Zeit Ludwig XIV.! Während ich gucke, ob man eventuell sogar durch den Boden Ausblick auf die Straße haben könnte und das Auto langsam vor sich hintuckert, macht es plötzlich “knall-peng etc.pp.“ . Für den Fahrer scheint das nicht Neues zu sein: Er hält an, steigt gemütlich aus und haut einmal kräftig auf den Motor – schon kann die Fahrt weiter gehen. Soviel zu den Lapalien, die wir mit unseren Autos haben, nicht?

Nebenbei: handelt den Preis aus, bevor ihr in das Taxi steigt, dann kriegt ihr die Fahrt für die Hälfte. Und wenn ihr nicht wisst, worüber ihr reden sollt, fragt den Taxifahrer nach der Anzahl der Kinder – das ist der absolute Eisbrecher! Ihr werdet nirgends jemanden antreffen, der euch erklärt, er hätte keine Kinder, weil ihm das zu stressig sei, ihm die Karriere wichtiger wäre oder was auch immer...

Am riesigen Bahnhof von Kairo: Während die Kinder durch die Halle toben und eine Attraktion für die (mit Schießgewehren bewaffneten) Sicherheitsmänner sind und Klein-Spiderman mich zum punktuellen Vorbild ernennt und verzweifelt versucht, auch seine Beine im Sitzen zu überkreuzen, beschliesst Dirk, das Tagesgehalt eines Schuhputzers zu erhöhen. Wir Frauen sind uns einig, dass das auch mal Zeit wurde, denn man erkennt an seinen Füßen eher nur noch einen Dreck- und Staubklumpen als ein paar Schuhe...

Wie übersteht man eine 3-stündige Zugfahrt mit 4 Kindern, für die selbst der langweiligste Raum zu einem Spielparadies wird? Logo: Man entstaubt noch einmal den Teil des Gehirns, der für die Fantasie zuständig ist und erfindet wieder Zwergen-und-Riesen-Stories. Diesmal hatte ich leider keine strahlenden Kinderaugen (eines fremdem Kindes) vor mir, sondern eine Frau neben mir sitzen, die mich nett willkommen hieß und dann anfing, Koranverse auswendig zu lernen...

Wir erreichen die 4,25 Millionen-Einwohner-Stadt. Was mir direkt auffällt, sind 2 Dinge: Zum einen sind die Taxis schwarz-gelb (Farbverteilung 50 zu 50) – jeder BVB-Fan wäre hier glücklich! Und zum anderen sind die Straßen mit Kunstwerken verziert: Riesige Krüge und Tassen säumen die Plattformen der Kreisverkehre, mitten auf der Mittelleitplanke entdecke ich meterhohe spiral- und kreisförmige Metallkunstwerke. Ohne Zweifel: Wir befinden uns in einer Kulturstadt!

Der Schwager eines Freundes (des Onkels 3.Grades eines Bekannten... ) , den wir nur einmal kurz getroffen haben (den Freund), hat sich bereit erklärt, uns den gesamten Tag herum zukutschieren. Völlig normal hier: Wirste von deinem Schwager angerufen: „Hey, ich hab da mal ein paar Chaoten kennen gelernt. Die wollen sich Alexandria angucken. Zeig denen das mal, ok?“ Niemand sagt da nein, denn: dein Freund ist auch mein Freund – und damit König in meinem Haus. Immer.

Der hat sich bestimmt auf einen stressigen von-einer-Attraktion-zur-Nächsten-kutschieren-Tag eingestellt. Pustekuchen! Erst einmal muss die Bande abgefüttert werden! Also entführt er uns in ein riesiges, nobles Restaurant, an denen die Kellner extra neben deinem Tisch stehen, um auf deine Wünsche einzugehen, sobald du auch nur mit der Wimper zuckst. Frage mich, ob sie nicht auch hierher beordert wurden, um acht zu geben, dass die Kinder nicht alle Lichterketten runter reißen, an denen sie gerade mit Begeisterung Tarzan spielen... ?

Ich hatte verstanden, Schwager John hätte dem Kellner gerade „Ein wenig Reis bitte“ zugeflüstert... Frage mich, ob der weiss, was wir so alles verdrücken können. Da bringt auch schon eine Schlange von Kellnern Fleischplatten, Reis- und Nudelaufläufe, aufgebackenes Brot (in Unmengen),Gemüsetöpfe, Salate... sooooo viel, dass es gar nicht anders sein kann, als dass Schwager John stattdessen „Von allem etwas bitte“ gesagt hatte.

Mir hätte klar sein müssen, dass sich hinter diesem netten, aber etwas weltfremden und zerstreuten Blick ein Genie verbirgt: Wie sich sehr schnell herausstellt, ist Schwager John Pianist! Der 1.Araber, den ich hier kennen lerne, der mehr als eine Melodie auf dem Klavier spielen kann! Während ich in Gedanken 3 Kreuze in meinen Kalender mache, tauschen wir uns über unsere bevorzugten Komponisten und Musikstile aus... ach, tut das gut!

Nachdem wir ohne eine jeglich verbleibende Lücke in unseren Bäuchen das Restaurant verlassen und Schwager John bezahlt (auch völlig normal, denn dein Freund ist mein Freund usw. - wir protestieren zwar, aber uns ist klar, dass das nur ein Höflichkeitsprotestieren ist, da er es nie zulassen würde, das wir bezahlen - mal abgesehen davon, dass uns das jetzt nicht wirklich sooo unrecht ist) und Dirk in einem Moment, in dem die Kellner nicht gucken, noch die Tischtissues von unserem Tisch mitgehen lässt :-) , fahren wir am Mittelmeer entlang zur berühmten Bibliotheca Alexandria.

Baff – da stehe ich an dem Ort, an dem sich einst die berühmteste (und mit 700.000 Schriftrollen auch größte) Bibliothek der Antike befand. Dummerweise wurde sie bei der Invasion von dem guten alten Caesar 48 n.Chr. durch einen Brand stark beschädigt – auf deutsch: es blieb so gut wie nix übrig. Dennoch – die neue Bibliothek “Bibliotheca Alexandrina“, die man seit 2002 besuchen kann, umfasst stolze 45.000 qm2! Gestehe, dass ich sie mir irgendwie ganz anders vorgestellt habe: Ich dachte, ich würde jetzt von einem zum anderen Glaskasten geführt, in denen sich noch Überreste der alten Bibliothek befinden – oder an massenweise Regale vorbeigehen, die so lang sind, dass ich mir wie ein Smartie im Bällebecken vorkommen würde. Tja, nochmal: Pustekuchen!

Ein weiblicher Guide führt uns herum und erzählt so vor sich hin, wie Guides das halt tun. Vor uns tut sich ein großer Raum auf, in dem sich unzählige...nein, nicht Bücher, sondern... Computer befinden! Die Computer könnte man benutzen, um sich über das Internet in die Webside der Bibliothek einzuloggen und dann... Höre nicht weiter zu, denn mir schiesst der Gedanke durch den Kopf: Internet? Super! Dann kann ich endlich mal E-Mails checken! Da höre ich die Stimme des Guide: „...wird es ihnen nicht möglich sein, ihre E-Mails zu checken. Wir haben den Zugang aufgrund von Virengefahr gesperrt.“ Och nee, ne?

Schlendere durch die Räumlichkeiten: hier eine alte (uralte) Druckmaschine – ein paar Meter weiter die schnellste Druckmaschine der Welt (davon gibt es nur 5 auf diesem Planeten), named „Espresso Book Machine“, schonmal jemand von gehört? Dahinter eine Galerie mit Bildern über die verschiedenen Epochen Alexandrias. Gucke mir alles an. Entdecke aber mal wieder den Kunstbanausen in mir, verlasse das Gebäude und nehme es etwas mehr unter die Lupe: Das markanteste Merkmal der Bibliotheca Alexandrina ist das zum Meer hin geneigte scheibenförmige Glasdach mit 160m Durchmesser. Es erhebt sich aus einem vorgelagerten Wasserbassin. Die Oberfläche des Daches wird durch ihre Form oft mit der aus dem Meer aufgehenden Sonne verglichen, kann ich gut verstehen.

Ab zum Meer! Die Sonne wird gleich untergehen und ich geniesse die riesigen Wellen, die gegen eine Festung prallen, neben der wir stehen. Es ist nicht irgendeine Festung! Ohne es zu wissen, stehe ich bei einem der 7 Weltwunder der Antike!! Ja, sag mal einer, Landeier würden nichts von der Welt mitkriegen – pah! Also die Steine der Festung gehörten mal zu dem höchsten Leuchtturm, der je gebaut wurde. Der 115-160Meter hohe Lebensretter der Fischer oder wessen auch immer wurde durch ein Seebeben im 1.Jahrhundert ein wenig und durch zwei Erdbeben im 14.Jahrhundert dann völlig zerstört. Erst einmal lagen die Trümmer feuchtfröhlich im Meer, bis sie ein Sultan im 15.Jahrhndert bergen ließ und sie in seiner Kait-Bay-Festung (so hieß der Typ nämlich) an der Küste verbaute.

Ende der Geschichtsstunde.

Wir stehen da also und genießen die riesigen Wellen im Sonnenuntergang. Ein paar Fischer versuchen ihr Glück. Leider muss Schwager John gleich zu seinen Klavierschülern (ich will mihiiit und zuhören!!) und wir wollen ja auch wieder nach Kairo zurück. Also erlauben wir uns noch einen kurzen Spass vor der Abreise:

Alexandria. Der Bürgermeister befindet sich gerade in einer Sitzung, in der die zunehmende Dreistigkeit der Touristen Alexandrias besprochen werden soll. Erst am 27.Januar diesen Jahres betrat eine auffällige, 7-köpfiger Familie das teuerste Hotel der Stadt. Einem Informanten nach wollten sie gar keine Nacht in diesem mindestens-1000-Euro-die-Nacht-Hotel verbringen, sondern einfach „nur mal schauen“, da es ja so interessant sei... Mit diesem Zwischenfall als Höhepunkt der Dreistigkeit könnte dieser – laut Aussage des anonymen Informanten - „fröhlicher Chaotenhaufen“ der ausschlaggebende Punkt dafür werden, dass die Unterstützung des Tourismus von Seiten des Stadtrates nicht weiter fortgesetzt werden wird...

Wir staunend raus aus dem Hotel und ab zum Bahnhof. Wir fragen einen Schaffner, wo der Zug nach Kairo abfahren würde und machen Bekanntschaft mit der arabischen Relaxtheit. Jo, vielleicht auf diesem Gleis da und der käme dann vielleicht sogar, so, wie es geplant sei – IN SHA ALLAH! Bei uns klingeln sofort die Alarmglocken, denn das SO GOTT WILL kann man auch genauso gut mit MÖGLICHERWEISE KOMMT ER, ANSONSTEN MÜSST IHR EBEN HIER ÜBERNACHTEN übersetzen.

Habe ja schon Einiges erlebt, aber ein paar Ägypter haben beschlossen, mich aus den Latschen fallen zu lassen: Ein Zug fährt an uns vorbei, in dem die nach Hause fahrenden Arbeiter und Studenten sitzen – in offenen Türen, da keine Türen vorhanden sind! Grinsen und winken fröhlich (besonders unseren blonden Kinderchens zu), während sie relaxt in den Öffnungen eines Zuges sitzen, der mit 60km/h unter ihren Hintern hinwegbrettert. Glaube, nicht richtig zu sehen. Denen scheint das wurscht zu sein, dass der Zug nur ein bischen wackeln müsste, einer den anderen aus Versehen anschubst und der dann rausfällt, voll auf die Gleise knallt und im besten Fall gerade noch besser wegkommt, als jemand, der von Bud Spencer verprügelt wird.

Wir kommen heile wieder in Kairo an. Kinder schlafen alle. Fragen Passagier, ob er ein Kind aus dem Zug raustragen würde, denn wir haben ja auch noch Unmengen an Tüten dabei... Also schnappt sich der Student Klein-Zorro über die Schulter und wir verfrachten alle in ein Taxi. Sind zu müde, um zu checken, dass wir gerade einen Fehler machen, indem wir in das Taxi steigen, ohne vorher einen Preis ausgehandelt zu haben... Aua, der Preis tut weh! Zuhause angekommen verfrachten wir Frauen die Kinder ins Bett, während der Herr des Hauses beschliesst, Flaschenpyramide zu bauen. Selbstfähigkeiten testen und so...


Fürs Erste ist hier mal Schluss. Mache mich aber an den nächsten Blog, der einen weniger witzigen als bewegenden Tag wiedergeben wird. Das zu beschreiben, wird mir nicht leicht fallen, also Bitte an euch: Lest zwischen den Zeilen, ok?

Warum die Eile mit den Blogs? 1.) Ich will Ägypten abharken. 2.) Bin nächste Woche unterwegs und hab dann 100% wieder genug zu schreiben. Werde mit 7 Omis und Opis (Hallo, Jürgen!) - wobei Dirk deutlich betonen möchte, dass er keiner davon sei – zum Berg Nebo, nach Petra und in die Wüste abdüsen. Uuuuuuuund das Coolste: Ich werde das Auto fahren!! Offizielle Erlaubnis von Dirk – ihr habt kein Vetorecht, liebe Familie Kleinloh – macht euch auf was gefasst! Hoffe, ihr habt alle Heilsgewissheit!?

Ganz liebe Grüße in das verschneite Deutschland! Hier soll es morgen auch schneien – den Satz höre ich allerdings seit Tagen - un was is? Nix is! Hatte ich erwähnt, dass es hier dieses Jahr schon einmal geregnet hat? Wir haben Freudentänze aufgeführt, die ich bestimmt vermissen werde...

Tisbach alla rer!

Eure Schw.esther

20.2.09 19:45, kommentieren

Der Suq

 

Das kann ja nicht angehen, dass wir uns nun schon 3 Tage in Kairo befinden und noch nichts von der Stadt gesehen haben – also Abmarsch! Zusammen mit Dirk, Klein-Zorro und seiner Gehilfin betrete ich das Paradies-auf-Erden: den Suq! Oder wie wir sagen würden: den ägyptischen Markt von Kairo! Oh, ich sehe schon, wie die von euch, die mich kennen, gerade die Hände über die Köpfe zusammenschlagen und sich Sorgen um meinen jetzigen Kontostand machen.

Der ägyptische Markt ist im Grunde eine lange Gasse, die man durch ein Rundbogentor betritt. Jeder Meter zu deiner Rechten und Linken ist ausgefüllt mit Textilien-, Schmuck- oder Wasserpfeifenständen. Hallo, Welt, ich fühle mich wohl!!

Kennt ihr diese Musicals, in denen die Marktszenen völlig überdreht dargestellt werden? Die Haupdarstellerin singt ein fröhliches Lied über den Frühling in ihrem Herzen, da sie ihren Liebsten bald wiedersehen wird, umringt von Verkäufern, die mit ihren Tüchern wedelnd um sie herum tanzen und zwischen 2 Liedzeilen ihr 3 stimmiges „Ba-duuu“ einwerfen, während sie alle miteinander lächeln, als würde gerade Zahnpastawerbung gedreht. So komme ich mir vor, als ich mich im Slalomlauf durch die Tücher wurschtel, die mir von beiden Seiten her vor die Nase gehalten werden...“Möchten Tücher? Gute Preis, gute Preis!“.

Doch erst einmal bleibe ich direkt am 1.Stand ½ Stunde kleben, nichtsahnend, dass mich noch ca. 3952 solcher Stände erwarten... Ich versuche alle Schals aus, die vor meinem Erscheinen noch alle schön gestapelt auf dem Tisch gelegen hatten. Der Verkäufer lockt mich in sein Geschäft, dass sich im 1.Stock des anliegenden Hauses befindet – die Tücher stapeln sich hier nur so in den unterschiedlichsten Größen, Stoffen und Mustern! Ich weiss nicht, wonach ich suche, ich weiss nur, dass ich es geniesse, mich vor dem Spiegel hin und her zu drehen – behangen mit den schönsten Tüchern und einem Verkäufer im Nacken, der bei jedem Tuch, dass ich ihm verwühle, in größere Begeisterungsrufe ausbricht, wie toll mir das doch stehen würde – in der Hoffnung, ich würde jetzt eeeeeendlich mal eins davon kaufen!! Ich weiss, dass er höflich sein muss (nicht nur, weil er Verkäufer, sondern auch Araber ist), umschlinge mich noch ein paar mal mit Kaschmirtüchern, danke ihm für die Komplimente und drücke mein Bedauern aus, dass ich nicht das finden konnte, was ich gesucht habe...

Ich gehe wieder raus und schnappe mir Klein-Zorro unter den Arm. Denn es dauert nicht lange, bis mir aufgeht, dass er für meinen Sohn gehalten wird (vermutlich denken die sogar:“Mensch, die hat aber spät Kinder bekommen!“ (Neulich hatten wir ne Mutter im Haus, die mit 12 verheiratet wurde, um daraufhin ne Massenproduktion an Kindern zu gebären)). Wir machen einen Deal: Er lächelt nett, wenn mich die Verkäufer fragen, ob das mein Sohn sei, hält den Mund und reagiert auf mein „Komm, Sohn!“ - ich bekomme alles viel billiger (denn ich habe einen Sohn) – und er hat seinen Spaß! Was wollen wir mehr?? (Wie soll ich auch ahnen, dass er das noch Wochen später jedem erzählen wird, der unser Haus auch nur ansatzweise betritt...!?)

Gehe in ein anderes Schal-Geschäft. Junger Kerl, gutaussehend, nimmt mich in Visier und beschliesst, dass er sein nächstes Opfer gefunden hat. Zieht die Nr. „Baby, du hast so tolle Augen! Ne, ehrlich jetzt! Ich gebe dir einen guten Preis!“ ab – bemerke, während ich eine verlegene „Ach, übertreib mal nicht“ - Handbewegung mache, dass ich rot anlaufe! Ich! Nein, das kann doch jetzt nicht sein! Das ist ein ganz gewöhnlicher Spinner... der's dummerweise schafft, mich zum Erröten zu bringen! Das macht mich so sauer, dass ich mich umdrehe und ihm lächelnd mitteile, dass ich Typen wie ihn kenne, dass er zu der Art Ägypter gehört, die das bei jedem weiblichen Kunden machen, dass das einfach nicht zieht (...) und außerdem billig ist... Sehe mit Genugtuung, dass ich ihn getroffen habe.

Stelle mit Verwirrung den Anfang eines schlechten Gewissens fest, als er sich umdreht und eine abwehrende Handbewegung a la „Ok, ich lass dich ja schon in Ruhe!“ macht. Während er sich um andere Mädels kümmert, steigert sich dieses schlechte Gewissen langsam, aber sicher. Ich gehe auf ihn zu und entschuldige mich. Das haut ihn noch mehr aus den Latschen und er guckt mich an, als käme ich vom Mond. Gestörte Deutsche, sehe ich in seinem Gehirn abgehen. Hä? Was denn jetzt? Ich entschuldige mich, Alter, also guck nicht so! Daaa geht es mir auf wie die Relativitätstheorie Einstein erfasste: Dem Typen ist es völlig wurscht, dass ich ihn angezickt habe! Er ist das von Touri-Mädels gewohnt! Der ist kein bischen verletzt, sondern amüsiert sich jetzt hier, dass ich angekrochen komme! Zu meiner kompletten Vernichtung verwandelt sich meine Gesichtsfarbe von einem Tomaten- in ein übelst-reifes-Kirsch-Rot! Hatte ich erwähnt, dass der Typ echt gut aussieht?? Noch nie in meinem Leben habe ich ein Geschäft sooooo rot verlassen...

Ich laufe an einem Textiliengeschäft vorbei, an dem mir der Verkäufer versichert, nichts kaufen zu müssen, wenn ich seinen Laden betrete...schon klar. Egal, ich betrete den Laden und vor mir breitet sich ein Meer von Kaschmirtüchern aus! Ein Tuch nur 150 Lire (20Euro)– und das wäre schon der Preis, den er nur mir machen würde, bla, bla... Bei einem wunderschön bunten Tuch mit kräftigen Farben bleibe ich kleben und packe dafür das gesamte Packet aus: erkläre erstmal, ich wolle doch soooo gerne Geschenke für die Familie kaufen (hi, Mama, Beule und Mela! Verzeiht mir - Familie zieht hier einfach immer), hätte aber so wenig Geld... Hundeblick...etc. pp. Er sagt, ich solle einen Preis vorschlagen. Ich erwidere, für das Geld, dass ich nur dabei hätte, würde er mir den Schal gewiss nicht geben (und überlege mir in der Zwischenzeit, was ich mit dem restlichen Geld in meinem Portmonaise machen werde, damit das gerade wachsende Gefühl in mir, ich würde lügen, nicht noch mehr wächst). Er ermutigt mich, einen Preis zu nennen. Ich ziere mich (und überlege, eine Schauspielkarriere einzuschlagen). Sage ihm dann mit einem entschuldigenden Blick, ich könnte ihm nur 40 Lire geben! Ne, also DAS wäre jetzt echt nicht möglich, meint er, während er ebenso gut schauspielend einen halben Herzinfakt vortäuscht. Also verlasse ich das Geschäft und nehme meinen Zorro-Sohn an die Hand, um weiterzugehen. Der Verkäufer läuft hinter uns her – ok, er würde es mir für 80 geben, das wäre aber sein letztes Angebot. Ich lehne ab.

Ja, und dann... entdecke ich das schönste Amulett ever! Der noble Verkäufer will dafür erst 130 Lire haben. Kein Problem für mich, mit meinem Talent fürs Handeln... den krieg ich auf locker auf 70 runter... Ok, 110 ist doch schon mal ein Anfang... für mich würd er auch auf 100 runtergehen, sagt er. Nett, aber ich will das Kettchen für 70 Lire kaufen! Also versuche ich es wieder mit lächeln, Hundeblick etc. pp. Der Typ ist echt hartnäckig! Na gut, dann täusche ich eben Desinteresse vor und verlasse den Laden... Ich falle fast aus den Latschen, als mich der Typ beim Herausmarschieren noch belehrt, ich würde nirgendwo 1 Pfund Silber für weniger als 6 Lire (80 Cent) bekommen und mir dann nicht hinterherläuft, um mir zu sagen, er hätte einen großen Fehler begangen, er wäre so dankbar, dass ich sein Kunde sei - und mich reumütig bittet, doch zurückzukommen, um das Kettchen für 70 Lire zu kaufen... Pah... Dann eben nicht!

½ Stunde später zerre ich die Kinder und Dirk den ganzen Weg zurück durch den Suq, um das Kettchen für 100 Lire zu kaufen.

Der Kaschmirtücher-Verkäufer entdeckt uns, läuft uns hinterher und meint mit beleidigter Miene, ok, ok, er würde sie mir für 40 Lire verkaufen. Gehe in Gedanken schon die verschiedenen Klamotten in meinem Schrank durch und kombiniere sie mit dem Schal. Gebe ihm 50 Lire, er hat kein Wechselgeld. Bietet mir an, noch einen weiteren zu kaufen, wenn ich ihm 25 (!) Lire draufgeben würde. Staune über diese Dreistigkeit, aber sehe das gute Angebot und schlage zu. Ich muss das jetzt einmal aufschreiben, um es selber schwarz-weiß vor Augen zu haben:

Ich habe 2 K-Schals für 9,70 Euro gekauft, für die der Typ erst 40 Euro haben wollte. Ach, ich bin einfach gut!!


Plötzlich betreten wir einen Suq, der sich deutlich von dem Vorherigen unterscheidet: Hochhäuser umgeben die Gassen, in denen sich Menschenmengen drängeln. Es sind alte, brüchige Hochhäuser, deren untere Etage jeweils als Laden dient und von deren Balkonen massenweise Wäsche herunterhängt. Abgesehen von Wasserpfeifen -und Textiliengeschäften, in denen das gleiche Zeug von eben nur die Hälfte kostet, gibt es viele Antiquitäten-Läden. Die Antiquitäten allerdings sind nicht mehr die Stabilsten, sondern fallen auseinander, sobald sie auch nur ein Windhauch erfasst. Jugendliche fahren hupend auf ebenso auseinanderfallenden Mofas an Händlern vorbei, deren Läden lediglich eine Karre darstellt, die sie über das Kopfsteinpflaster vor sich herschieben, beladen mit Orangen oder Süßkartoffeln. Alte Opis sitzen neben einer Kiste Tomaten in der Hoffnung, dass man ihnen ein paar abkaufen wird. Sie machen den Anschein, schon ihr Leben lang da zu sitzen... Wir befinden uns in einem richtigen Suq! Keine Touriaufmache. Lebensgebiet der armen Bevölkerung.

Die Kinder laufen aufgeregt zu einem Laden, den sie - mit den 20%, die ihr noch westliches Denken ausmachen - für ein Tiergeschäft halten. „Oh, Papa, guck mal, Kaninchen, wie süüüüß!“ . Damit meinen sie die zusammengepferchten Tiere, über deren Käfigdecken sich ihre Genossen befinden, nur etwas enthäuteter und weniger lebendig. Nachdem ich sie vorsichtig aufgeklärt habe, dass sie sich zwar eins aussuchen können, aber der Verkäufer es ihnen nicht in einem schönen Käfig zwecks netter Haustierhaltung mitgeben, sondern ihm vor ihren Augen das Genick brechen und es enthäuten wird, brechen sie in Mitleidsgeschrei und -tränen aus. Froh, mit meinen Worten die sensible Seite in mir entdeckt zu haben, zerre ich sie von dem Friedhof der Nagetiere weg – unter dem Protestschrei, wir müssten eine Rettungsaktion starten und sie alle kaufen.

Während ich einem zahnlosen, alten Mann Bananen abkaufe, hören wir wildes Geschrei hinter uns. Ein junger Mann wird von mehreren anderen Männern die Strasse entlang gezerrt. Da sie nicht gewillt sind, extra für mich betont und langsam zu sprechen, verstehe ich kein Wort. Dirk erklärt mir, der Mann habe wohl etwas gestohlen. Dazu muss ich jetzt sage: Stehlen ist hier schlimmer als Ehebruch. Der Koran schreibt vor, dass demjenigen, der etwas stiehlt, die Hand abgehackt werden soll. Mir tut der junge Mann leid, der angsterfüllt schreit und versucht, zu entfliehen (meine sensible Seite geht dann doch noch gerade soweit, dass ich die Kinder nicht darüber aufkläre, was ihm wohl gleich bevorsteht). Er wird 10 Meter vor uns festgehalten, wo er und die Polizisten auf einen Transporter für ihn warten. Als dieser ankommt, wird der junge Mann zu meinem Entsetzen wie ein Ausstellungsstück auf die offene Ladefläche des Pick-ups geladen, um den sich mittlerweile eine Menschenmenge versammelt hat. Er wehrt sich und kriegt voll die Kopfnüsse von einem der Polizisten. Das Gesicht des jungen Mannes ist vor Scham und Wut über die Schläge ganz rot! Die Polizisten dagegen haben ihren Spass, sich als Gesetzeshüter darzustellen. Wir staunen über solche Arroganz.

Der junge Mann wird abtransportiert und Klein-Zorro verkündet aufgebracht, doch kein Polizist werden zu wollen, wenn die alle so doof seien. Während er vor sich herstapft, schmiedet er den Plan, in die Armee des Königs Abdallah einzutreten und die Polizisten hier dann alle zu töten – nein, besser, sie alle zu zerstückeln...oder nein, noch besser... an dieser Stelle mache ich einen Punkt aufgrund des euren-unschuldigen-Wortschatz- nicht-erweitern-Wollens. Frage mich, welche pädagogische Weisheit ich jetzt anwenden soll und warum wir so eine Situation nie im Studium durchgegangen sind...

Es ist schon spät und uns ist eh die Lust am Suq vergangen. Wir machen uns auf den Heimweg. Der Taxifahrer hält netterweise – mitten auf der mehrspurigen Straße – vor allen bedeutenden Gebäuden, die uns interessieren und von denen ich – als Vorsitzende der Versammlung-der-mehr-als-Japaner-fotografierenden-Touris – ein Foto machen möchte: Die Residenz von dem ägyptischen Präsidenten Muhammad Husni Mubarak, die Mohammad Ali Moschee...

Während Dirk bei unserer Ankunft das ersteigerte Schachspiel erst einmal versteckt, um Mela in einem guten Moment zu erklären, warum er das gekauft hat, obwohl sie schon eins besitzen, drehe ich mich mit meinem neuen Schal vor dem Spiegel hin und her. Mir geht die Frage durch den Kopf: Hätte ich den Schal auch für 30 Lire bekommen können?

 

1 Kommentar 19.2.09 12:42, kommentieren